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Heimweh nach zwei Ländern
Als Lena Okafor vor elf Jahren mit einem Koffer und einem Sprachzertifikat in Leipzig ankam, glaubte sie, das Schwierigste sei die Grammatik. Die junge Ingenieurin aus Lagos hatte in Nigeria gut Deutsch gelernt, aber im ersten Winter merkte sie, dass es um viel mehr ging als um Wörter. „Ich verstand jeden Satz meiner Kollegen und trotzdem nicht, was sie meinten“, erinnert sie sich. Wenn ihr Teamleiter sagte, ein Vorschlag sei „interessant“, nahm sie das als Lob. Erst nach Wochen begriff sie, dass er höflich Nein gesagt hatte.
Heute leitet Okafor ein Team von neun Leuten in einem Maschinenbaubetrieb und gibt in ihrer Freizeit Workshops für Firmen, die ausländische Fachkräfte einstellen. Ihre wichtigste Botschaft: Missverständnisse sind normal und kein Zeichen von Unfähigkeit. „Wer aus einem Land kommt, in dem man Kritik durch die Blume äußert, erschrickt über die direkte Art vieler Deutscher. Und umgekehrt halten die Deutschen Zurückhaltung schnell für Desinteresse“, sagt sie. In ihren Kursen spielen die Teilnehmer deshalb typische Alltagsszenen nach, etwa ein Bewerbungsgespräch, eine Beschwerde im Restaurant oder eine Einladung zum Abendessen. Wer die Rollen tauscht, versteht oft schlagartig, warum etwas schiefgelaufen ist.
Die Einladung zum Abendessen ist übrigens ein Lieblingsbeispiel von Okafor. In Nigeria, erzählt sie, wäre es unhöflich, einen Gast nach der ersten Portion nicht zum Nachnehmen zu drängen. In Deutschland dagegen gelte ein einfaches „Nein, danke“ als ehrliche Antwort. „Meine deutsche Nachbarin lehnte nach der ersten Portion ab, und ich dachte, sie sei nur höflich. Also bot ich ihr dreimal Nachschlag an, bis sie genervt aufstand“, lacht sie. Heute sage sie ihren Gästen gleich zu Beginn, dass sich jeder selbst bedienen dürfe.
Dass ihr der Einstieg trotz aller Hürden gelang, führt Okafor auf drei Dinge zurück. Erstens habe ihr Arbeitgeber einen Paten bestimmt, einen älteren Kollegen, der ihr in den ersten Monaten alles erklärte, was in keinem Handbuch steht. Zweitens trat sie in einen Chor ein, in dem sie nie als „die Ausländerin“, sondern als Altstimme galt. Und drittens habe sie sich erlaubt, Fehler zu machen. „Ich habe aufgehört, mich zu entschuldigen, wenn ich ein Wort falsch betonte. Die meisten Menschen freuen sich, wenn man es versucht.“
Ganz ohne Krisen verlief die Zeit dennoch nicht. Im dritten Jahr plagte sie ein heftiges Heimweh, besonders vor Weihnachten, das sie in Lagos immer mit einer riesigen Familie gefeiert hatte. Sie überlegte ernsthaft zurückzugehen. Ein Telefonat mit ihrer Mutter änderte ihre Meinung: „Sie sagte, ich solle nicht wählen müssen, sondern beides behalten dürfen.“ Seither feiert Okafor das Fest zweimal: einmal mit Freunden in Leipzig, einmal per Videoanruf mit der Familie, die um den großen Tisch in Lagos sitzt und ihr jedes Gericht zeigt.
Auch beruflich sieht sie ihre zwei Heimaten inzwischen als Vorteil. Ihr Betrieb baut Maschinen für Kunden in Westafrika, und niemand versteht die Erwartungen dieser Kunden so gut wie sie. „Früher dachte ich, ich müsse mich anpassen, bis man mich nicht mehr bemerkt“, sagt sie. „Heute weiß ich, dass gerade der Unterschied nützlich ist.“ Für das nächste Jahr plant sie ein Austauschprogramm zwischen ihrem Unternehmen und einer Partnerfirma in Lagos. Die ersten beiden Auszubildenden aus Leipzig sollen im Herbst fliegen.
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