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Vierundzwanzig Quadratmeter und ein großes Wohnzimmer
Wer das ehemalige Fabrikgebäude an der Gerberstraße in Lindburg betritt, glaubt zuerst, in einem Hotel gelandet zu sein. Lange Flure, nummerierte Türen, im Erdgeschoss ein Empfangstresen. Doch hier wohnen dauerhaft vierzig Menschen, jede und jeder in einer Wohnung von nur vierundzwanzig Quadratmetern. Dafür gehört den Bewohnern gemeinsam, was man in einer Mietwohnung sonst für sich allein hat: eine große Küche, ein Arbeitsraum mit Druckern, ein Dachgarten und sogar eine Werkstatt.
Die Grafikerin Mira Antonsen ist vor einem Jahr eingezogen. Vorher zahlte sie für eine Zweizimmerwohnung am Stadtrand fast die Hälfte ihres Einkommens. „Ich habe dort kaum Zeit verbracht, nur geschlafen“, erzählt sie. „Hier hat mein Zimmer genau das, was ich brauche: ein Bett, einen Schreibtisch, ein Bad. Alles andere findet unten statt.“ Das Prinzip stammt vom Architekten Jonas Pfeil, der das Gebäude umgebaut hat. Er wollte nicht möglichst viele winzige Wohnungen unterbringen, sondern ein Haus bauen, in dem man sich zwangsläufig begegnet.
Genau darin sieht er den Gewinn – und zugleich die größte Gefahr. „Menschen ziehen selten aus, weil es eng ist, aber sie ziehen aus, wenn sie sich ständig beobachtet fühlen“, sagt Pfeil. Deshalb gibt es im Haus Regeln, die auf den ersten Blick kleinlich wirken: Nach zweiundzwanzig Uhr bleibt die Küche still, in den Fluren wird nicht telefoniert, und wer die Werkstatt benutzt, trägt sich vorher in eine Liste ein.
Auch der Alltag ist durchdacht. Im Erdgeschoss gibt es eine Waschküche mit acht Maschinen, die man per Handy reservieren kann, und einen Saal, den die Bewohner für Besuch oder Feiern mieten dürfen. Einmal im Monat treffen sich alle zu einer Hausversammlung, bei der über Anschaffungen und Beschwerden gesprochen wird. Wer möchte, kocht abends für andere und trägt sich dafür in einen Wochenplan ein; die Zutaten werden aus einer gemeinsamen Kasse bezahlt.
Nicht jeder kommt damit zurecht. Der Bewohner Felix Brandt, der als Pfleger im Schichtdienst arbeitet, zog nach vier Monaten wieder aus – obwohl er das Konzept lobt. „Wenn ich um sechs Uhr morgens heimkomme, will ich meine Ruhe“, sagt er. „Ich wollte aber nicht ständig darauf achten müssen, wer gerade schläft.“ Die Hausverwalterin Yvonne Seidel kennt solche Fälle. Etwa jeder zehnte Mieter ziehe innerhalb des ersten Jahres wieder aus, meist wegen des Lärms in den Gemeinschaftsräumen. Dafür gebe es eine lange Warteliste.
Die Stadt beobachtet das Projekt aufmerksam. Mehrere Nachbargemeinden haben bereits Besuchergruppen nach Lindburg geschickt, um sich das Haus anzusehen. Das Rathaus hofft, dass das Modell Schule macht: Auf dem Wohnungsmarkt fehlen vor allem bezahlbare kleine Wohnungen, und leerstehende Gewerbegebäude gibt es genug. Allerdings, betont Pfeil, funktioniere das Konzept nur, wenn die Gemeinschaftsflächen großzügig bemessen sind. „Wer nur die Zimmer verkleinert und den Rest weglässt, baut ein Gefängnis mit Teppichboden.“
Mira Antonsen hat inzwischen entschieden zu bleiben, auch wenn sie bald mehr verdient. „Ich dachte, ich vermisse meine eigene Küche“, sagt sie. „Aber dafür koche ich mittwochs mit acht Leuten, und das möchte ich nicht mehr hergeben.“
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