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Wächter auf vier Pfoten
Es ist kurz nach fünf Uhr morgens, als Hanna Wegener den Stall am Rand des Dorfes Birkenau aufschließt. Der Nebel hängt noch über den Wiesen, die Schafe drängen blökend nach draußen. Zwischen ihnen trottet gelassen ein cremeweißer Riese: Bruno, ein Herdenschutzhund der Rasse Pyrenäenberghund. Mit seinen siebzig Kilo wirkt er wie ein Sofa auf vier Beinen, doch wer ihn unterschätzt, irrt.
Seit drei Jahren lebt Bruno nicht im Haus, sondern bei den Tieren. Wegener hat ihn als acht Wochen alten Welpen zwischen die Lämmer gesetzt. „Er soll die Schafe als seine Familie betrachten", erklärt die 42-Jährige. „Deshalb darf er nicht mit mir kuscheln wie ein Haushund. Sonst würde er sich später an mich binden statt an die Herde." Gegen ihre Gefühle habe sie anfangs oft ankämpfen müssen, gibt sie zu, denn der kleine Hund habe jeden Abend vor der Stalltür gejault.
Anlass für die Anschaffung war ein Vorfall im Frühjahr davor. Ein Wolf, der aus dem nahen Waldgebiet durchgezogen war, hatte in einer einzigen Nacht vier Lämmer gerissen. „Ich stand morgens vor der Weide und konnte es nicht fassen", erinnert sich Wegener. Der Schaden wurde zwar vom Land ersetzt, doch das Geld brachte die Tiere nicht zurück. Statt die Herde aufzugeben, wie es einige Kollegen taten, entschied sie sich für einen Hund. Das Land übernahm einen Teil der Anschaffungskosten.
Seitdem hat es keinen Riss mehr gegeben. Dabei greift Bruno den Wolf keineswegs an. Meist genügt es, dass er laut bellt und sich zwischen Herde und Eindringling stellt. „Ein Wolf will keinen Kampf, er geht den leichten Weg", sagt der Biologe Tobias Kern, der Herdenschutzprojekte im Landkreis begleitet. „Wenn ein Hund ihm deutlich macht, dass hier Ärger wartet, sucht er sich in der Regel eine andere Beute." Ein einzelner Hund reiche allerdings nur für kleine Herden. Ab etwa dreihundert Tieren seien mindestens zwei nötig.
Ganz problemlos ist die Lösung nicht. Bruno betrachtet jeden Fremden zunächst als Gefahr, auch Spaziergänger. Wegener hat deshalb Schilder aufgestellt, die Wanderer bitten, einen weiten Bogen um die Weide zu machen und nicht zu versuchen, den Hund zu streicheln. Zudem gab es Beschwerden, weil Bruno nachts bellt, und Nachbarn drohten sogar mit einer Anzeige. Erst nachdem Wegener die Dorfbewohner zu einem Gespräch eingeladen und ihnen erklärt hatte, wofür das Bellen gut ist, beruhigte sich die Lage. Heute bringt manche Nachbarin Knochen vorbei.
Auch finanziell bleibt der Hund eine Belastung. Futter, Impfungen und Tierarzt kosten Wegener im Jahr rund neunhundert Euro, denn der Zuschuss deckte nur die Erstanschaffung. Trotzdem würde sie nicht mehr tauschen. „Seit Bruno da ist, schlafe ich besser", sagt sie, während sie einem Lamm die Flasche gibt. Der Hund liegt derweil in der Morgensonne, ein Auge halb geöffnet. Wachsam, wie immer.
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