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Ein Jahr ohne Neues
Als Julia Wagner im Januar ihren Kleiderschrank öffnete, fiel ihr fast ein Pullover auf den Kopf. Sie hatte die Fächer so vollgestopft, dass sich die Tür nur mit Mühe schließen ließ – und trotzdem hatte sie wie jeden Morgen das Gefühl, nichts zum Anziehen zu haben. „In diesem Moment habe ich beschlossen, etwas zu ändern“, erzählt die 34-jährige Bürokauffrau aus Falkenau. Ihr Plan: Ein Jahr lang nichts Neues zu kaufen, abgesehen von Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Dingen, die wirklich kaputtgehen.
Die ersten Wochen seien überraschend leicht gewesen, sagt sie. Schwierig wurde es erst, als der Winterschlussverkauf begann und ihr Telefon ständig Werbung anzeigte. „Ich habe gemerkt, wie viele meiner Käufe nicht aus Bedarf, sondern aus Langeweile entstanden sind.“ Also löschte sie die Einkaufs-Apps und meldete sich von allen Newslettern ab. Die Werbeflut, so ihr Eindruck, ließ danach deutlich nach, und mit ihr auch der Drang, etwas zu besitzen.
Doch ganz ohne Einkäufe ging es nicht. Als im Frühjahr ihre Waschmaschine den Geist aufgab, kaufte sie kein neues Gerät, sondern ein gebrauchtes, das ein Nachbar nach seinem Umzug nicht mehr brauchte. Für Kleidung besuchte sie Tauschpartys, bei denen Frauen aus der Umgebung Stücke mitbringen, die sie nicht mehr tragen, und gegeneinander eintauschen. „Das war fast besser als Shoppen“, sagt sie. „Man kommt ins Gespräch, und jedes Teil hat eine kleine Geschichte.“
Auch das Reparieren entdeckte sie neu. Ein Paar Stiefel mit gerissener Sohle brachte sie zum Schuster, und den Reißverschluss ihrer Winterjacke ließ sie von einer Schneiderin austauschen. „Früher hätte ich beides weggeworfen und am nächsten Tag online etwas Neues bestellt“, gibt sie zu. Am meisten freut sie sich darüber, dass die Stiefel nun besser sitzen als je zuvor. Und die Handwerker, die sie dafür aufsuchte, kennen sie inzwischen mit Namen.
Viel Geld gespart hat sie dabei allerdings nicht, wie sie einräumt. Ein Teil des Geldes floss in andere Dinge: in Konzertkarten, in Reisen mit dem Zug, in Kochkurse. „Ich habe nicht weniger ausgegeben, sondern anders“, sagt Wagner. Ihre Erfahrung deckt sich mit Beobachtungen von Konsumforschern, nach denen Menschen, die auf Waren verzichten, oft mehr Geld für Erlebnisse ausgeben.
Am schwersten fielen ihr die Geschenke. Zum Geburtstag ihrer Schwester wollte sie nichts Gebrauchtes schenken, aus Sorge, es könne geizig wirken. Schließlich schrieb sie einen Gutschein für einen gemeinsamen Ausflug. „Meine Schwester war begeisterter als bei jedem Parfüm der letzten Jahre“, lacht Wagner. Auch ihre Freunde reagierten zunächst skeptisch, einige machten Witze, doch nach einigen Monaten fragten manche, ob sie mitmachen dürften.
Nach zwölf Monaten zieht sie Bilanz: Neu gekauft hat sie in dieser Zeit nur zwei Paar Schuhe, ein Paar, das nicht mehr zu reparieren war, und eines für die Hochzeit einer Freundin. Das Experiment ist offiziell beendet, doch sie will die Gewohnheit beibehalten. „Ich frage mich jetzt vor jedem Kauf, ob ich das Ding in einem Jahr noch haben will. Meistens lautet die Antwort Nein.“
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