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Noch einmal die Schulbank drücken
Dienstagabend, kurz nach 18 Uhr: Während die meisten Menschen in der Stadt Feierabend machen, schließt Jana Hollmann ihre Bäckerei, hängt die Schürze an den Haken und radelt zur Abendschule am Stadtrand. Die 38-Jährige hat vor vierzehn Jahren ihre Ausbildung zur Bäckerin abgeschlossen und führt inzwischen gemeinsam mit ihrem Bruder den Familienbetrieb. Jetzt sitzt sie zwischen Zwanzigjährigen und Fünfzigjährigen im Klassenzimmer und lernt für das Abitur.
„Ich habe nach der zehnten Klasse die Schule verlassen, weil ich unbedingt Geld verdienen wollte“, erzählt sie. „Damals dachte ich, das Abitur brauche ich nicht.“ Der Gedanke kam erst später, als sie anfing, die Buchhaltung der Bäckerei zu machen. Sie merkte, dass ihr Zahlen Spaß machen – und dass ihr an vielen Stellen die Grundlagen fehlten. Ein Studium der Betriebswirtschaft erschien ihr plötzlich nicht mehr unmöglich, sondern reizvoll.
Die Abendschule, die Jana besucht, gibt es seit mehr als fünfzig Jahren. Wer dort aufgenommen werden will, muss mindestens 19 Jahre alt sein und eine Berufsausbildung oder mehrere Jahre Berufstätigkeit nachweisen. Der Unterricht dauert drei Jahre und findet viermal pro Woche statt, jeweils von 18 bis 21.30 Uhr. Schulgeld muss niemand bezahlen, nur die Bücher kauft jeder selbst. Ein Drittel der Anfänger gibt allerdings schon im ersten Jahr wieder auf, sagt Schulleiter Matthias Kerner.
Für Jana bedeutet das einen Alltag ohne Pausen. Um drei Uhr nachts steht sie in der Backstube, um 14 Uhr macht sie Feierabend, schläft zwei Stunden und lernt danach. Ihr Bruder hat deshalb eine zusätzliche Mitarbeiterin eingestellt und übernimmt die Samstage. „Ohne seine Hilfe würde das nicht gehen“, sagt sie. Auch ihr Partner unterstützt sie: Er kocht an den Schultagen und holt den zehnjährigen Sohn vom Fußball ab.
Schwierig sind vor allem die Fächer, die sie schon lange nicht mehr hatte. „In Englisch war ich nie gut, und Physik habe ich komplett vergessen“, gibt sie zu. Doch sie hat eine Methode entwickelt: Sie hört Vokabelaufnahmen, während sie den Teig knetet. Ihre Lehrer loben vor allem, dass sie keine Angst hat, Fragen zu stellen. „Erwachsene Schüler sind anstrengender, weil sie alles genau wissen wollen – aber sie sind auch viel motivierter“, sagt Mathematiklehrerin Sabine Winter.
Inzwischen hat sich auch das Verhältnis zu den Kunden verändert. Manche fragen nach Janas Fortschritten, eine Stammkundin brachte ihr sogar selbstgeschriebene Karteikarten für die Prüfung mit. Die Abiturprüfungen beginnen im Mai. Was danach kommt, ist noch offen. Ein Studium würde sie nur in Teilzeit beginnen, denn die Bäckerei möchte sie nicht aufgeben. „Vielleicht lerne ich einfach, besser zu rechnen und den Laden zukunftssicher zu machen“, sagt sie lachend. „Das wäre mir schon genug.“
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