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Der Mittag gehört nicht dem Bildschirm
Um zwölf Uhr dreißig ist es im dritten Stock der Softwarefirma Pixelmühle in Osterbach ungewöhnlich still. Statt Tastaturklappern hört man Besteck. Zwanzig Beschäftigte sitzen an einem langen Holztisch, vor sich Schüsseln mit Linsensalat, Ofengemüse und Vollkornbrot. Die Handys liegen in einer Kiste an der Tür. Das Experiment läuft seit acht Wochen, und es hat einen schlichten Namen: „Mittag ohne Monitor“.
Die Idee stammt von der Ernährungsberaterin Katrin Behrend, die in der Firma eigentlich nur einen Vortrag halten sollte. „Ich habe gemerkt, dass die meisten ihr Essen gar nicht mehr schmecken“, erzählt sie. „Sie schieben sich ein belegtes Brötchen in den Mund und lesen dabei E-Mails.“ Die Geschäftsführung war skeptisch, ließ sich aber auf einen Versuch ein – unter der Bedingung, dass niemand zur Teilnahme gezwungen wird.
Anfangs meldeten sich nur sechs Freiwillige. Der Entwickler Tobias Lenz gehörte dazu, allerdings aus eher praktischen Gründen: Sein Arzt hatte ihm erhöhte Blutfettwerte bescheinigt, und er wollte abnehmen. „Ich hatte mir vorgestellt, dass es um Kalorien geht“, sagt er. „Stattdessen sollte ich erst einmal nur langsam kauen.“ Behrend lässt die Gruppe jede Mahlzeit mit einer Minute Schweigen beginnen. Wer möchte, beschreibt danach, was er riecht und schmeckt. Das klingt nach Esoterik, hat aber einen nüchternen Hintergrund: Das Sättigungsgefühl stellt sich erst nach etwa zwanzig Minuten ein. Wer schneller isst, bemerkt das Signal zu spät und nimmt oft mehr zu sich, als er braucht.
Nach vier Wochen waren aus sechs Teilnehmern zwanzig geworden. Die Kolleginnen am Nachbartisch hatten zuerst gespottet, dann aber bemerkt, dass die Gruppe nachmittags weniger über Müdigkeit klagte. Eine Auswertung der Firma, die ausdrücklich keine wissenschaftliche Studie sein soll, zeigt: Die Teilnehmer greifen am Nachmittag seltener zu Süßigkeiten, und mehrere berichten, dass sie abends besser einschlafen. Tobias Lenz hat nach eigenen Angaben zwei Kilo verloren. „Damit hätte ich nicht gerechnet, ich habe ja nichts weggelassen“, sagt er.
Nicht alle sind überzeugt. Die Projektleiterin Heike Aydin bezweifelt, dass ein gemeinsames Mittagessen in jedem Betrieb funktioniert. „Bei uns gibt es eine eigene Küche, aber wer in einer Werkstatt oder im Verkauf arbeitet, kann nicht einfach eine Stunde verschwinden“, sagt sie. Behrend widerspricht nur teilweise. Auch zwanzig Minuten reichten, meint sie, wenn man sie wirklich zum Essen nutze. Entscheidend sei nicht das Menü, sondern die Aufmerksamkeit.
Die Firma will das Projekt nun bis zum Jahresende verlängern und die Küche im dritten Stock so umbauen, dass dort auch gekocht werden kann. Behrend rät allen Interessierten, klein anzufangen: einmal pro Woche, ohne Bildschirm, ohne Handy. „Wer das schafft“, sagt sie, „merkt schnell, dass sich ein Mittag auch nach Pause anfühlen kann.“
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