Text
Langsam ist auch eine Geschwindigkeit
Dienstagabend, kurz vor sieben, am Parkeingang von Lindenau. Etwa zwanzig Menschen stehen in Grüppchen zusammen, manche in neuen Laufschuhen, andere in alten Turnschuhen und Jogginghosen. Sie warten auf Marlene Oster, die Leiterin der Anfängergruppe „Null auf Fünf“. Das Ziel des Kurses ist bescheiden: Nach zehn Wochen sollen alle fünf Kilometer am Stück laufen können, ohne stehen zu bleiben.
Marlene Oster ist 51 Jahre alt und läuft seit ihrer Jugend. Die Idee zum Kurs kam ihr, als sie bei einem Volkslauf eine Frau beobachtete, die nach dem ersten Kilometer weinend am Rand stand. „Sie war viel zu schnell losgelaufen, weil alle anderen so schnell waren“, erzählt sie. „Dabei hatte sie sich wochenlang auf den Tag gefreut.“ Seitdem ist es Osters Anliegen, Anfängern den Druck zu nehmen. Wer bei ihr mitmacht, soll vor allem Spaß haben.
Das Konzept ist ungewöhnlich einfach. In der ersten Woche wechseln die Teilnehmer zwischen einer Minute Laufen und zwei Minuten Gehen, insgesamt dreißig Minuten lang. Jede Woche wird der Laufanteil ein wenig größer. Wer eine Einheit verpasst, wiederholt sie in der folgenden Woche, ohne dass jemand schimpft. „Der Körper braucht Zeit, um sich zu gewöhnen“, sagt Oster. „Sehnen und Gelenke sind langsamer als die Lunge. Deshalb hören viele auf, weil etwas wehtut, und glauben dann, sie seien nicht sportlich.“
Die Gruppe in Lindenau ist bunt gemischt. Da ist Thomas Brandt, 44, Lastwagenfahrer, der nach einem Arztbesuch zwölf Kilo abnehmen sollte. Da ist die Studentin Aylin, die vor Prüfungen einen Ausgleich sucht, und das Rentnerehepaar Hoffmann, das sich nach dem Tod eines gemeinsamen Freundes fest vorgenommen hat, nicht mehr nur zu Hause zu sitzen. „Am Anfang habe ich mich geschämt“, gibt Brandt zu. „Ich dachte, alle starren mich an. Aber hier läuft keiner schneller als der Langsamste, das ist die Regel.“
Tatsächlich steht diese Regel ausdrücklich auf dem Zettel, den jeder in der ersten Stunde erhält. Hinter der Gruppe läuft immer jemand als „Schlusslicht“ mit, damit niemand allein zurückbleibt. Das Amt wechselt jede Woche. Wer es übernimmt, darf die Pausen bestimmen. „Das hat sich bewährt“, sagt Oster. „Wer die Verantwortung hat, achtet viel mehr auf die anderen und weniger auf die eigene Uhr.“
Nicht jeder hält durch. Von den ursprünglich vierunddreißig Anmeldungen sind nach vier Wochen noch zweiundzwanzig übrig. Oster nimmt das gelassen. Manche merkten, dass Laufen nichts für sie sei, andere zögen um oder bekämen Nachwuchs. Wichtig sei, dass niemand mit dem Gefühl gehe, versagt zu haben. Deshalb ruft sie jeden an, der zweimal fehlt, nicht um zu mahnen, sondern um zu fragen, ob etwas helfen könnte. Manchmal reicht ein anderer Termin, manchmal ein Tipp für die richtigen Schuhe.
Dass der Kurs kostenlos ist, wundert viele. Finanziert wird er vom Sportverein, der darin eine Möglichkeit sieht, neue Mitglieder zu gewinnen. Verpflichtet ist allerdings niemand. „Wir sagen nach dem Kurs einfach Danke“, so Oster. „Die meisten laufen trotzdem weiter, und einige kommen später doch zum Verein.“
An diesem Abend steht die sechste Woche an: fünf Minuten laufen, eine Minute gehen, viermal im Wechsel. Als die Gruppe startet, ist es ruhig, nur das Knirschen des Kieses und gelegentlich ein Schnaufen sind zu hören. Nach der zweiten Runde lächeln die ersten. Thomas Brandt hebt den Daumen, als er an Oster vorbeiläuft. „Vor zwei Monaten hätte ich nicht gedacht, dass ich das mal sage“, ruft er, „aber ich freue mich schon auf nächsten Dienstag.“
Connecte-toi pour enregistrer ton résultat à la fin de cette simulation.