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Forschen im Vorgarten
Jeden Dienstagmorgen um sieben Uhr steht Marianne Kerbel, 67, mit Fernglas und Notizbuch an ihrem Küchenfenster. Die pensionierte Buchhalterin zählt, welche Vögel sich am Futterhaus im Garten niederlassen: Meisen, Finken, ab und zu ein Specht. Anschließend tippt sie die Zahlen in ein Formular auf der Internetseite eines Forschungsprojekts. „Früher habe ich das nur für mich getan“, sagt sie. „Heute weiß ich, dass meine Liste in einer Datenbank landet, die Wissenschaftler wirklich benutzen.“
Kerbel ist eine von rund viertausend Freiwilligen, die für das Projekt „Gartenvogel“ des Instituts für Landschaftsökologie in Wendelstein Beobachtungen sammeln. Das Projekt gehört zur sogenannten Bürgerwissenschaft, bei der Laien an der Forschung mitwirken. Die Idee ist nicht neu, doch durch Smartphones und Online-Formulare hat sie in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. „Wir könnten niemals genug Personal bezahlen, um jeden Garten im Land zu beobachten“, erklärt Projektleiter Dr. Tobias Hallmann. „Die Freiwilligen liefern uns eine Datenmenge, von der wir sonst nur träumen könnten.“
Allerdings gibt es auch Skepsis. Kritiker fragen, ob Beobachtungen von Amateuren zuverlässig genug sind. Wer verwechselt nicht einmal einen Hausrotschwanz mit einem Gartenrotschwanz? Hallmann nimmt solche Einwände ernst. Deshalb müssen neue Teilnehmer zunächst einen kurzen Online-Test bestehen, in dem sie rund dreißig häufige Arten erkennen sollen. Außerdem werden auffällige Meldungen automatisch markiert und von Fachleuten überprüft. Meldet jemand mitten im Winter eine Schwalbe, wendet sich das Team telefonisch oder per E-Mail an den Beobachter. „Meistens ist es dann ein Irrtum, aber manchmal eben nicht“, sagt Hallmann. Gerade die seltenen Funde hätten in der Vergangenheit zu wichtigen Erkenntnissen geführt, etwa dazu, dass einige Zugvögel inzwischen im milderen Süden des Landes überwintern, statt weiter nach Afrika zu fliegen.
Dass die Methode funktioniert, zeigt ein Vergleich, den das Institut vor zwei Jahren durchführte. Auf einer Testfläche zählten Experten die Vögel selbst, parallel meldeten Freiwillige ihre Beobachtungen. Die Abweichung zwischen beiden Gruppen war gering, bei häufigen Arten sogar kaum messbar. Bei scheuen oder sehr kleinen Arten lagen die Laien dagegen häufiger daneben. Das Institut berücksichtigt das inzwischen in seinen Berechnungen und gewichtet die Daten entsprechend.
Für viele Teilnehmer ist der wissenschaftliche Nutzen aber nur ein Teil der Motivation. Marianne Kerbel erzählt, dass sie durch das Projekt Nachbarn kennengelernt habe, die sie vorher nur vom Grüßen kannte. Einmal im Monat treffen sich einige Teilnehmer aus ihrer Straße auf einen Tee und vergleichen ihre Listen. „Es ist ein bisschen wie ein Wettbewerb, aber ein freundlicher“, lacht sie. Ihr Nachbar, ein ehemaliger Elektriker, hat inzwischen sogar einen Nistkasten mit Kamera gebaut, dessen Bilder er dem Institut zur Verfügung stellt.
Die Forscher in Wendelstein wollen das Angebot ausbauen. Ab dem nächsten Frühjahr sollen die Teilnehmer auch Insekten melden können, die im Garten auf Blüten landen. Ein Problem ist allerdings die Technik: Viele ältere Freiwillige bevorzugen weiterhin Papierformulare, die das Institut mühsam von Hand erfassen muss. Hallmann wünscht sich, dass Jüngere stärker einsteigen. „Wir brauchen mehr Schulklassen und Familien“, sagt er. Marianne Kerbel hat ihm bereits versprochen, ihre Enkelin zum nächsten Zählwochenende mitzubringen. Dann würden zum ersten Mal drei Generationen am selben Fensterbrett stehen.
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