Text
Freundschaft braucht Zeit
Mit zwanzig hatte ich Freunde im Überfluss. Wir saßen nächtelang in Küchen, diskutierten über alles und nichts und mussten uns nie verabreden, weil wir ohnehin jeden Tag zusammen waren. Heute, mit Mitte vierzig, brauche ich für ein Treffen mit meiner besten Freundin einen Kalender, drei Nachrichten und meistens eine Absage wegen der kranken Kinder. Ich bin damit nicht allein. Wer sich unter Erwachsenen umhört, bekommt fast überall dieselbe Antwort: Man hat Freunde, aber man sieht sie zu selten.
Soziologen erklären das mit einem einfachen Mechanismus. Freundschaften entstehen vor allem dort, wo man sich regelmäßig und ohne besonderen Anlass begegnet – in der Schule, im Studium, in der ersten Wohnung. Dieser Zufall verschwindet mit dem Berufsleben. Kollegen sind nicht automatisch Freunde, und die Eltern aus der Kita-Gruppe sind es oft auch nicht, selbst wenn man sich nett findet. Viele Menschen glauben deshalb, dass Freundschaften im Erwachsenenalter „einfach nicht mehr entstehen“. Das ist ein Irrtum. Sie entstehen, nur langsamer und mit mehr Mühe. Wer abends müde auf dem Sofa sitzt, hat schlicht weniger Gelegenheiten, jemanden zufällig kennenzulernen, und oft auch weniger Energie, solche Gelegenheiten bewusst zu suchen.
Ich habe das selbst erlebt. Vor drei Jahren zog ich in eine neue Stadt, kannte niemanden und meldete mich, eher aus Verzweiflung als aus Überzeugung, in einem Chor an. Die ersten Wochen waren unangenehm: Ich sang schlecht, und die anderen kannten sich seit Jahren. Nach dem Auftritt im Dezember jedoch lud mich eine Altistin zu einem Glühwein ein. Daraus wurde ein Abendessen, dann ein gemeinsamer Wochenendausflug. Heute gehört sie zu den Menschen, die ich nachts anrufen würde.
Was mir dabei klar wurde: Der entscheidende Faktor war nicht Sympathie, sondern Wiederholung. Man muss mit jemandem viele Stunden verbringen, sagen Forscher, bevor aus einem Bekannten ein Freund wird. Ein einmaliges, noch so gelungenes Treffen reicht nicht. Der Chor gab mir diese Stunden gewissermaßen geschenkt, jeden Donnerstag, ohne dass ich etwas organisieren musste. Hätte ich mich stattdessen alle zwei Monate zum Essen verabredet, wäre bis heute nichts passiert.
Natürlich gibt es auch Freundschaften, die dem Alltag nicht standhalten. Manche schlafen ein, weil die Lebenswege auseinanderdriften – der eine bekommt Kinder, die andere zieht ins Ausland –, und niemand ist daran schuld. Ich habe gelernt, das nicht als Niederlage zu sehen. Nicht jede Freundschaft muss ein Leben lang halten, um wertvoll gewesen zu sein. Schwierig wird es erst, wenn man aus Bequemlichkeit eine Freundschaft verliert, die man eigentlich behalten möchte.
Mein Rat ist deshalb unspektakulär: Machen Sie Treffen zur Gewohnheit, statt sie jedes Mal neu zu planen. Der gemeinsame Spaziergang am ersten Sonntag im Monat, das wöchentliche Telefonat auf dem Heimweg, der feste Spieleabend – all das klingt unromantisch, aber genau diese Verlässlichkeit trägt eine Freundschaft durch die Jahre. Und wer neue Bekanntschaften sucht, sollte sich einer Gruppe anschließen, in der man sich regelmäßig sieht, auch wenn die Aktivität zunächst nicht begeistert. Meine Chorfreundin hat mir kürzlich gestanden, dass sie mich anfangs für ziemlich unmusikalisch hielt. Wir haben beide sehr gelacht.
Connecte-toi pour enregistrer ton résultat à la fin de cette simulation.