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Der Laden, der allen gehört
Wenn Renate Dittrich morgens um halb sieben den Schlüssel im Schloss dreht, ist es im Dorfladen von Burgwinkel noch still. Die 58-Jährige schaltet die Kühlregale ein, legt die frisch gelieferten Brötchen in den Korb und schreibt die Tagesangebote mit Kreide an die Tafel. Bezahlt wird sie dafür nicht. Dittrich ist eine von 43 Ehrenamtlichen, die den Laden gemeinsam betreiben, und der Laden gehört ihnen auch: Er ist eine Genossenschaft, an der sich jeder Bewohner mit einem Anteil von hundert Euro beteiligen kann.
Die Geschichte begann vor sieben Jahren, als der letzte Supermarkt im Ort schloss. Wer einkaufen wollte, musste plötzlich elf Kilometer bis zur nächsten Kleinstadt fahren. Für ältere Bewohner ohne Auto war das ein echtes Problem. „Ich habe damals zwei Wochen lang jeden Tag eine Nachbarin mitgenommen“, erinnert sich Dittrich. „Irgendwann dachte ich: Das kann keine Dauerlösung sein.“ Gemeinsam mit einigen anderen lud sie zu einer Versammlung im Gasthaus ein. Zu ihrer Überraschung kamen über hundert Leute.
Das Startkapital sammelten die Burgwinkeler selbst: Innerhalb eines halben Jahres kamen rund 60.000 Euro zusammen. Ein leerstehender Bauernhof wurde zum Laden umgebaut, und zwar fast vollständig in Eigenarbeit. Elektriker, Maler und Schreiner aus dem Ort arbeiteten an den Wochenenden, die Frauen vom Landfrauenverein nähten Vorhänge. Heute bekommt der Laden einen großen Teil seiner Waren von Bauernhöfen aus der Umgebung. Das Angebot reicht von Eiern und Kartoffeln über Wurst bis zu selbstgemachter Marmelade.
Trotz dieses Erfolgs ist nicht alles einfach. Der Laden beschäftigt nur zwei bezahlte Kräfte, die sich um Bestellungen und Buchhaltung kümmern; alles andere erledigen Freiwillige in Schichten von jeweils drei Stunden. Wenn jemand krank wird, müssen andere einspringen, und das klappt nicht immer. „Im Winter, wenn die Grippewelle kommt, telefoniere ich manchmal am Abend zehn Leute durch“, sagt Dittrich lachend. Außerdem rechnet sich der Laden nur knapp. Große Supermärkte können günstiger einkaufen, und so liegen manche Preise im Dorfladen etwas höher. Die meisten Kunden nehmen das hin, denn sie wissen, dass sie damit ihren eigenen Laden unterstützen.
Der Laden ist längst mehr als ein Ort zum Einkaufen. Im hinteren Bereich steht ein kleines Café mit vier Tischen, an denen sich vormittags Rentner treffen und nachmittags Mütter mit ihren Kindern. Einmal pro Woche gibt es einen Mittagstisch, den abwechselnd verschiedene Familien kochen. Einmal im Monat kommt ein Mitarbeiter der Gemeinde und hilft beim Ausfüllen von Formularen. „Viele Leute kommen gar nicht mehr wegen der Waren“, sagt der Vorsitzende der Genossenschaft, Klaus Brehm. „Sie wollen einfach wissen, was im Dorf los ist.“
Für die Zukunft wünscht sich Brehm vor allem eines: Nachwuchs. Das Durchschnittsalter der Freiwilligen liegt bei über sechzig. Deshalb sollen Jugendliche künftig mit kleinen Aufgaben eingebunden werden, etwa beim Einräumen der Regale nach der Schule. Dittrich ist skeptisch, ob das gelingt, aber sie bleibt gelassen. „Wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe“, sagt sie, „dann dass sich im Dorf immer jemand findet, wenn man nur laut genug fragt.“
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