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Ein Kranz aus Brot
Jedes Jahr am ersten Samstag im Februar riecht es in Schwarzenbach schon vor Sonnenaufgang nach warmem Teig. Dann stehen die sieben Bäcker des Städtchens gemeinsam in der Backstube der Familie Lenz und flechten einen Brotkranz, der so groß ist, dass ihn nur vier Männer tragen können. Der Brauch geht auf das Jahr 1634 zurück. Damals, so erzählt es die Chronik, hatte die Pest die Stadt fast entvölkert, und die wenigen Überlebenden backten aus dem letzten Mehl einen Kranz und hängten ihn an die Kirchentür, als Dank und als Zeichen, dass das Leben weitergeht.
Wie viel an dieser Geschichte stimmt, weiß niemand genau. Der Historiker Matthias Hollmann vom Stadtarchiv hat die Urkunden durchgesehen und ist vorsichtig: „Dass es im siebzehnten Jahrhundert eine schwere Seuche gab, ist belegt. Den Kranz erwähnt aber erst ein Bericht aus dem Jahr 1741, also mehr als hundert Jahre später.“ Für die Schwarzenbacher ändert das wenig. „Ein Brauch wird nicht dadurch wertvoll, dass jedes Detail bewiesen ist“, sagt Bäckermeisterin Sabine Lenz, die den Kranz in diesem Jahr zum zwanzigsten Mal mitgebacken hat. „Er wird wertvoll, weil wir ihn gemeinsam tun.“
Der Ablauf hat sich über die Jahrhunderte kaum verändert. Gegen vier Uhr morgens wird der Teig angesetzt, nach einem Rezept, das nur Roggenmehl, Wasser, Salz und Sauerteig enthält. Zucker, Butter oder Eier sind verboten. Das macht den Kranz zwar fest und etwas trocken, aber auch haltbar: Er hängt nach der Prozession vier Wochen lang in der Kirche, und danach bekommt jeder Haushalt ein Stück davon. Wer es isst, soll im folgenden Jahr vor Krankheit geschützt sein. Sabine Lenz lächelt, wenn sie das erzählt. „Geholfen hat es bisher nicht immer. Aber das Brot schmeckt, wenn man es in Suppe taucht.“
Dass der Brauch beinahe verschwunden wäre, wissen heute nur noch wenige. In den Siebzigerjahren fanden sich nicht mehr genug Bäcker, die bereit waren, nachts zu arbeiten. Zwei Betriebe hatten geschlossen, ein dritter Meister fand keinen Nachfolger. Der Kranz wurde mehrere Jahre lang in einer Fabrik gebacken und mit dem Lieferwagen angeliefert. „Das fühlte sich an wie ein Fest ohne Gäste“, erinnert sich der vierundachtzigjährige Kurt Brandl, der als Junge noch beim echten Backen zugesehen hat. Den Umschwung brachte schließlich ein Lehrling. Er überredete seinen Meister, es wenigstens noch einmal gemeinsam zu versuchen. Seitdem backen die Bäcker wieder selbst, und zwar zusammen, auch wenn sie sonst Konkurrenten sind.
Heute kommen zur Prozession etwa tausend Besucher, mehr als Schwarzenbach Einwohner hat. Die Hotelzimmer sind monatelang im Voraus ausgebucht. Manche Anwohner klagen über Lärm und fehlende Parkplätze. Die Veranstalter wollen den Charakter des Festes trotzdem schützen und haben deshalb beschlossen, auf Werbung und auf Verkaufsstände zu verzichten. „Wir wollen kein Volksfest“, sagt Lenz. „Wer kommt, soll still hinter dem Kranz hergehen, das gehört dazu.“ Die sechzehnjährige Mia, Lehrling bei Lenz, steht inzwischen selbst um vier Uhr in der Backstube. „Zuerst fand ich es verrückt“, sagt sie. „Jetzt bin ich stolz.“
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