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Der Laden, der allen gehört
Als im Frühjahr vor drei Jahren der letzte Supermarkt in Weidenau schloss, mussten die rund achthundert Einwohner plötzlich zwölf Kilometer fahren, um Brot und Milch zu kaufen. Für Ältere ohne Auto war das ein Problem. „Manche Nachbarn haben sich nur noch von Dosen ernährt, weil sie niemanden fragen wollten“, erinnert sich Hannelore Brandl, die damals im Gemeinderat saß. Aus dem Ärger wurde ein Plan: Das Dorf wollte seinen Laden selbst betreiben.
Der Weg dorthin war mühsam. Zunächst wurde eine Genossenschaft gegründet, bei der jeder Anteile für hundert Euro kaufen konnte. Überraschend schnell kamen über sechzigtausend Euro zusammen, auch von Familien, die sonst gar nicht im Ort einkaufen würden. „Viele haben gesagt, sie unterstützen es, weil sie wollen, dass das Dorf lebt“, erzählt der Landwirt Peter Kluge, der heute Vorsitzender der Genossenschaft ist. Ein leer stehendes Gasthaus wurde gepachtet und in Eigenarbeit umgebaut. Handwerker aus dem Ort verlegten Leitungen, Schüler strichen die Wände.
Seit fast zwei Jahren ist der Laden nun geöffnet. Er ist kleiner als ein Supermarkt, aber ungewöhnlich vielfältig: Es gibt Gemüse und Eier von den Höfen in der Umgebung, frisches Brot vom Bäcker aus dem Nachbarort, aber auch Waschmittel und Zahnpasta. Hinten im Raum stehen drei Tische, an denen man Kaffee trinken kann. Genau dort, sagen viele, passiere das eigentlich Wichtige. „Früher haben wir uns nur auf dem Friedhof getroffen“, scherzt Brandl. „Heute sitzt man hier zusammen und erfährt, wer krank ist oder wem man helfen kann.“
Bezahlt werden nur zwei Teilzeitkräfte. Alle anderen Aufgaben übernehmen Freiwillige, die sich in einen Dienstplan eintragen. Wer vier Stunden im Monat hinter der Kasse steht, bekommt fünf Prozent Rabatt auf den Einkauf. Das System funktioniert, doch es hat Grenzen. „Wir sind auf wenige Leute angewiesen, die alles tragen“, räumt Kluge ein. „Wenn zwei ausfallen, wird es eng.“ Deshalb wirbt die Genossenschaft jetzt um Zugezogene, die bisher nur im Ort schlafen und tagsüber in der Stadt arbeiten.
Wirtschaftlich steht der Laden auf wackeligen Beinen. Im ersten Jahr schrieb er rote Zahlen, im zweiten erreichte er knapp die Gewinnschwelle. Ohne die Pacht, die deutlich unter dem üblichen Preis liegt, wäre das nicht möglich gewesen. Die Gemeinde hat zugesichert, diesen Preis noch fünf Jahre lang beizubehalten. Danach müsse man neu rechnen, sagt Kluge. Er ist aber zuversichtlich: „Wir haben in den ersten Monaten erlebt, dass die Leute auch dann kommen, wenn es woanders billiger ist.“
Auch kulturell hat sich einiges getan. Einmal im Monat gibt es einen Spieleabend, im Advent backen Kinder und Rentner gemeinsam Plätzchen, und im Sommer lädt die Genossenschaft zu einem Straßenfest ein, bei dem die Bewohner der Neubausiedlung zum ersten Mal ihre alteingesessenen Nachbarn kennenlernten.
Ob das Modell auf andere Orte übertragbar ist, wird in Weidenau oft gefragt. Seit der Eröffnung haben Delegationen aus einem Dutzend Gemeinden den Laden besucht, einige davon haben bereits Genossenschaften gegründet. Brandl rät ihnen, vor allem eines nicht zu vergessen: „Ein Laden allein rettet kein Dorf. Aber er gibt den Menschen einen Grund, sich zu begegnen, und das ist mehr, als man von einem Supermarkt sagen kann.“
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