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Die Gondel als Stadtbus
Es ist kurz vor acht Uhr morgens in Kalmberg, und an der Talstation drängen sich Schüler, Pendler und ein paar Menschen mit Rucksack. Alle dreißig Sekunden schwebt eine Kabine heran. Wer einsteigt, ist neun Minuten später im Stadtteil Oberberg, zweihundert Meter höher. Die Stadt am Hang hat damit ein Problem gelöst, das sie jahrzehntelang beschäftigte.
Bis vor einem Jahr nämlich brauchte der Bus nach Oberberg im Berufsverkehr bis zu fünfunddreißig Minuten. Die einzige Straße windet sich in engen Kurven den Berg hinauf und war morgens oft verstopft, weil auch die Autos der Anwohner dort unterwegs sind. Wer es eilig hatte, nahm das Auto und stand im selben Stau. Die Stadtverwaltung dachte über eine zweite Straße nach, doch die wäre teuer geworden und hätte einen Teil des Waldes gekostet.
Die Idee mit der Seilbahn kam von einem Verkehrsplaner. Die Bürger waren zunächst skeptisch. Viele Anwohner fürchteten Lärm, andere sorgten sich um ihre Aussicht, weil einige Masten zwischen den Häusern stehen. „Ich habe mir vorgestellt, dass ich den ganzen Tag das Surren höre“, erzählt Renate Pohl, die direkt unter der Trasse wohnt. Heute lacht sie darüber. „Die Kabinen sind leiser als der Bus früher.“ Nach mehreren Bürgerversammlungen einigte man sich darauf, dass die Bahn nachts ab Mitternacht ruht und die Masten begrünt werden.
Der Bau dauerte vierzehn Monate. Weil am steilen Hang keine schweren Baufahrzeuge fahren konnten, setzte ein Hubschrauber die meisten Masten an ihren Platz. Das war spektakulär, aber auch ein Risiko: Bei Nebel mussten die Arbeiten mehrmals unterbrochen werden, und die Eröffnung verschob sich um zwei Monate. Die Stadt informierte die Anwohner in dieser Zeit jede Woche über den Stand der Arbeiten.
Die Zahlen überzeugten dann auch die Kritiker. Die Planer hatten mit etwa viertausend Fahrgästen pro Tag gerechnet, doch schon im ersten Sommer waren es deutlich mehr. Die Fahrkarten gelten im normalen Stadttarif, wer umsteigt, zahlt nichts extra. Dass die Seilbahn so gut ankommt, überrascht auch Betriebsleiterin Sabine Berger. „Wir dachten, Schüler und Pendler werden unsere wichtigsten Kunden“, sagt sie. „Aber an den Wochenenden kommen die Touristen.“
Das ist inzwischen das größte Problem. Samstags und sonntags stehen oft Hunderte an der Talstation, viele wollen nur wegen der Aussicht fahren. Einheimische mit Einkaufstaschen oder Kinderwagen finden dann keinen Platz mehr. Die Stadt hat deshalb reagiert: Tagesausflügler zahlen jetzt einen höheren Preis, und bis neun Uhr morgens haben Pendler mit Zeitkarte Vorrang. Der Andrang ist seither etwas geringer geworden.
Andere Städte schauen interessiert nach Kalmberg. Delegationen aus drei Nachbarkreisen haben die Bahn schon besucht. Bürgermeisterin Ilse Hartmann dämpft die Erwartungen jedoch. „Eine Seilbahn ist keine Antwort auf jedes Verkehrsproblem“, sagt sie. „Wir hatten das Glück, dass unser Berg ziemlich steil ist und die Strecke gerade verläuft. Wo das nicht so ist, lohnt sich der Aufwand nicht.“ Die Busse sollen übrigens bleiben, und zwar für die Stadtteile, die die Gondel nicht erreicht. Auch Renate Pohl fährt inzwischen fast täglich mit.
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