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Der letzte Wirt von Fennhausen
Um halb sechs Uhr morgens brennt in der Küche des Gasthofs „Zum Adler“ schon Licht. Karin Brandl, 46, rührt in einem großen Topf Kartoffelsuppe, während draußen noch der Nebel über den Feldern hängt. Seit zwölf Jahren führt sie den Gasthof, den ihre Großeltern 1961 eröffnet haben. Er ist das letzte Lokal in Fennhausen, einem Dorf mit knapp neunhundert Einwohnern. Die Metzgerei hat vor Jahren geschlossen, der Bäcker kommt nur noch dreimal pro Woche mit einem Lieferwagen. Wenn der „Adler“ verschwindet, sagen die Leute im Dorf, verschwindet der Ort.
Dabei stand das Haus vor vier Jahren kurz vor dem Aus. Die Stammgäste wurden älter, die Jüngeren fuhren zum Essen lieber in die Stadt, und gleichzeitig stiegen die Strom- und Einkaufspreise. „Ich habe damals jeden Abend gerechnet“, erzählt Brandl. „Und jeden Abend kam dasselbe heraus: Es reicht nicht.“ Ihr Mann riet ihr, das Lokal zu verpachten. Sie entschied sich anders. Statt die Preise zu erhöhen, strich sie die halbe Speisekarte. Übrig blieben acht Gerichte, die sie alle selbst zubereitet, und ein Mittagstisch für sieben Euro, der jeden Tag etwas anderes bietet.
Der Mittagstisch wurde zum Erfolg, aber nicht, weil er so günstig ist. „Es sind die Leute, die kommen“, sagt Brandl. Handwerker, Landwirte, Pendler und neuerdings auch Mitarbeiter eines kleinen Softwareunternehmens, das sich in der alten Schule eingemietet hat. Sie sitzen an langen Tischen zusammen, und weil kein Platz reserviert werden kann, kommt man ins Gespräch. Der Landwirt Josef Maier sagt: „Früher habe ich meine Nachbarn nur beim Erntefest gesehen. Jetzt sehe ich sie jede Woche.“
Brandl hat auch das Haus selbst neu gedacht. Im ehemaligen Tanzsaal, der seit Jahren leer stand, richtete sie einen Raum für Vereine und Familienfeiern ein. Der Schachclub trifft sich dort montags, donnerstags übt ein Chor. Für den Raum verlangt sie keine Miete, sondern nur, dass die Gruppen bei ihr essen und trinken. „Ein Verein mit zwanzig Mitgliedern bringt mir mehr als eine Hochzeit im Jahr“, rechnet sie vor. Außerdem verkauft sie in der Gaststube Brot, Eier und Gemüse der Bauern aus der Umgebung. Ein kleiner Dorfladen ist so fast nebenbei entstanden.
Leicht ist es dennoch nicht. Brandl arbeitet sechs Tage in der Woche, oft zwölf Stunden. Gutes Personal zu finden ist schwierig; zwei Aushilfen und ihre Tochter helfen am Wochenende. Auf die Frage, ob sie das Lokal ewig weiterführen will, zuckt sie mit den Schultern. „Ich mache das, solange ich Spaß daran habe“, sagt sie. „Aber ich wünsche mir, dass es nicht an mir allein hängt.“ Deshalb plant die Gemeinde jetzt, den Gasthof gemeinsam mit den Bürgern in eine Genossenschaft zu überführen. Wer einen Anteil kauft, bekommt dafür keinen Gewinn, aber das Gefühl, dass das Dorf weiterlebt. Rund hundert Anteile sind schon vergeben. Karin Brandl soll Geschäftsführerin bleiben – mit festem Gehalt und, wie sie lachend sagt, endlich einem freien Tag pro Woche.
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