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Der Kassensturz am Küchentisch
Dienstagabend, kurz nach sechs, im Gemeindehaus von Neustein. Zwölf Menschen sitzen um zwei zusammengeschobene Tische, vor sich Kugelschreiber und ein kariertes Heft. Die Teilnehmer wirken angespannt, einige haben sich offensichtlich überwinden müssen, überhaupt zu kommen. Auf dem Programm steht der Kurs „Mein Geld im Griff", angeboten von der Schuldnerberatung des Landkreises. Kursleiter Frank Dörr, ein ruhiger Mann mit Brille, beginnt nicht mit Zahlen, sondern mit einer Frage: „Wer von Ihnen weiß genau, wie viel er im letzten Monat für Essen ausgegeben hat?" Niemand meldet sich.
Dörr kennt diese Stille. Seit zwanzig Jahren berät er Menschen, die finanziell in Not geraten sind. Entgegen einem verbreiteten Vorurteil seien es nur selten Verschwender, die zu ihm kämen. „Meist sind es Menschen, die eine Krise erlebt haben: Jobverlust, Trennung, Krankheit. Dann sinkt das Einkommen, aber die Fixkosten bleiben." Dazu zählen Miete, Strom, Versicherungen und Kreditraten. Wer dann nicht handelt, rutscht schnell in den Dispo, und dessen Zinsen liegen oft bei über zehn Prozent.
Das wichtigste Werkzeug, das Dörr empfiehlt, ist ein Haushaltsbuch. Kein Hexenwerk, sagt er: Vier Wochen lang sollen die Teilnehmer jede Ausgabe notieren, auch den Kaffee am Bahnhof. Danach teilen sie die Posten in feste Kosten, variable Kosten und „Kleinkram" ein. „Erstaunlich viele erschrecken über den Kleinkram", sagt er schmunzelnd. Eine Teilnehmerin, die Verkäuferin Sabine Roth, 38, hat es schon ausprobiert. Sie fand heraus, dass sie monatlich fast neunzig Euro für Lieferessen und Streamingdienste ausgab, von denen sie zwei gar nicht mehr nutzte. „Ich hätte schwören können, dass ich sparsam lebe."
Als zweiten Schritt rät Dörr zu einer Regel, die er „Gehaltstag-Regel" nennt: Am Tag, an dem das Gehalt eingeht, überweist man zuerst einen festen Betrag auf ein Sparkonto, selbst wenn es nur zwanzig Euro sind. Erst mit dem Rest wird gewirtschaftet. „Wer wartet, bis am Monatsende etwas übrig ist, wartet meistens vergeblich." Als Ziel gilt ein Notgroschen in Höhe von etwa drei Monatsgehältern. Für den Anfang genügten aber schon zwei- bis dreihundert Euro, damit eine kaputte Waschmaschine nicht gleich zu einem neuen Kredit führt.
Nicht alle Teilnehmer sind überzeugt. Der Rentner Karl Bender, 71, findet das Notieren zu mühsam: „Ich habe mein Leben lang ohne Heft gelebt." Dörr widerspricht nicht, sondern bietet einen Kompromiss an: Statt auf Papier könne man auch mit einer App arbeiten oder zumindest einmal pro Woche den Kontoauszug anschauen. Hauptsache, man schaue hin. Dass ein Blick auf die Zahlen Angst macht, sei menschlich, aber die Angst werde meistens größer, wenn man die Augen davor verschließt.
Gegen halb neun endet der Kurs. Auf dem Weg zur Tür bleibt Sabine Roth stehen und zeigt auf ihr Heft. Auf der ersten Seite steht in schwungvoller Schrift: „Ziel: Urlaub ohne Schulden." Sie lächelt. „Vor einem halben Jahr hätte ich mich geschämt, hierher zu kommen. Jetzt ärgere ich mich nur, dass ich nicht früher gekommen bin."
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