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Das Büro im Kuhstall
Wenn Katrin Heller morgens um acht Uhr ihren Laptop aufklappt, hört sie im Hintergrund Glocken. Sie ist nicht im Urlaub, sondern bei der Arbeit: Der Coworking-Space „Landluft“ in Hohenried ist in einem umgebauten Kuhstall untergebracht, und auf der Weide nebenan stehen noch immer ein paar Kühe. Die 38-jährige Softwareentwicklerin pendelte früher jeden Tag fast zwei Stunden in die Stadt. „Ich habe meine Kinder morgens kaum gesehen“, sagt sie. Seit einem halben Jahr braucht sie zu Fuß nur noch zehn Minuten zur Arbeit.
Die Idee zu dem ungewöhnlichen Büro hatte nicht ein Unternehmer, sondern ein Landwirt. Anton Wegmann gab vor vier Jahren die Milchwirtschaft auf, weil sie sich für seinen kleinen Hof nicht mehr lohnte. Der Stall stand leer, und Wegmann überlegte, ihn abzureißen. Dann erzählte seine Tochter, die in der Stadt als Grafikerin arbeitet, von Kollegen, die dringend Schreibtische außerhalb der Stadt suchten. „Ich habe zuerst gelacht“, gibt Wegmann zu. „Wer will schon freiwillig in einem Stall sitzen?“ Heute sind alle zwanzig Arbeitsplätze vermietet, und es gibt eine Warteliste.
Der Umbau dauerte acht Monate. Die Wände wurden gedämmt, große Fenster eingesetzt, und im früheren Futterraum entstand eine Küche. Das Geld kam zum Teil aus einem Förderprogramm des Landkreises, den Rest zahlte Wegmann selbst. Der wichtigste Posten war allerdings keine Wand und kein Fenster, sondern das Internet. Ohne schnelle Verbindung hätte niemand einen Vertrag unterschrieben, und im Dorf gab es lange nur eine langsame Leitung. Die Gemeinde ließ deshalb Glasfaser bis zum Hof legen, und davon profitieren inzwischen auch einige Nachbarn.
Dass die Technik so reibungslos läuft, überrascht viele Besucher mehr als die Kühe. „Ich hatte erwartet, dass bei Videokonferenzen ständig das Bild einfriert“, erzählt Heller. „Aber hier läuft es besser als in meinem alten Büro.“ Schwieriger war etwas anderes: Die Nutzer arbeiten für völlig verschiedene Firmen, und anfangs saß jeder still vor seinem Bildschirm. Zum Mittagessen verschwanden alle in ihre Wohnungen. Erst als Wegmanns Frau anbot, dreimal in der Woche eine Suppe zu kochen, begann man, miteinander zu reden. Inzwischen sitzen mittags oft zehn Leute am langen Tisch, tauschen Tipps aus und vermitteln sich gegenseitig Aufträge.
Nicht jeder ist von dem Konzept überzeugt. Ein Mieter, ein Steuerberater, gab seinen Platz nach drei Monaten wieder auf. „Ich brauche den Lärm einer richtigen Kanzlei und Kollegen, mit denen ich spontan etwas besprechen kann“, sagt er. Auch Hans-Peter Dorn, der Bürgermeister, warnt vor zu großen Erwartungen. Er hofft zwar, dass durch das Projekt junge Familien im Dorf bleiben, die sonst wegziehen würden, und denkt über einen zweiten Standort im früheren Gasthaus nach. Aber eine Lösung für alle Probleme auf dem Land sei der Kuhstall nicht: Es fehle weiterhin ein Arzt, und der Bus fahre nur zweimal am Tag.
Katrin Heller sieht das gelassen. Sie hat ihren Arbeitgeber überzeugt, dass sie nur noch einmal im Monat in die Firmenzentrale kommt, und plant, auf Dauer in Hohenried zu bleiben. Romantik spiele bei ihrer Entscheidung keine Rolle, betont sie. „Ich arbeite hier einfach besser“, sagt sie, „und abends bin ich zu Hause, bevor die Kinder müde sind.“ Dann klappt sie den Laptop wieder auf. Draußen läuten die Glocken.
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