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Zweihundert Bewerber für zwei Zimmer
Es ist Samstagvormittag, kurz vor zehn, und vor dem Mehrfamilienhaus in der Gerberstraße steht eine Schlange. Etwa vierzig Menschen warten auf die Besichtigung einer Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock, achtundfünfzig Quadratmeter, Kaltmiete 720 Euro. Unter ihnen ist Lena Fuchs, 29, Grundschullehrerin. Sie hat ihre Bewerbungsmappe dabei: Gehaltsnachweise, eine Bonitätsauskunft und eine Bescheinigung ihres letzten Vermieters. „Das ist schon die zwölfte Wohnung, die ich mir ansehe“, sagt sie. „Und es ist erst September.“
Lenas aktuelle Wohnung ist zu klein geworden, seit ihr Freund Tom bei ihr eingezogen ist. Vor allem aber hat der Eigentümer Eigenbedarf angemeldet. Bis Ende des Jahres muss das Paar ausziehen. Mit der Suche haben die beiden im Frühjahr begonnen, zunächst gelassen. Inzwischen verbringen sie jeden Abend mit Immobilienportalen im Internet. „Wir haben einen Alarm eingerichtet. Sobald ein Angebot erscheint, schreiben wir innerhalb von fünf Minuten. Wer später kommt, hat keine Chance.“
Die Zahlen geben ihr recht. Die Vermieterin der Wohnung in der Gerberstraße, Heike Sandmann, hat die Anzeige am Mittwochabend online gestellt. Bis Donnerstagmittag waren mehr als zweihundert Anfragen eingegangen, und sie hat die Anzeige wieder gelöscht. „Ich kann gar nicht alle lesen“, sagt sie. Eingeladen hat sie schließlich vierzig Interessenten, ausgewählt nach der Vollständigkeit der Unterlagen. Sandmann vermietet seit zwanzig Jahren, und sie erinnert sich an andere Zeiten. „Früher habe ich eine Anzeige in die Zeitung gesetzt, und es kamen drei Leute. Heute schreiben mir Menschen, sie würden notfalls ein halbes Jahr Miete im Voraus zahlen.“
Darauf lässt sie sich nicht ein. Wichtiger als Geld sei ihr, dass sich die Hausgemeinschaft verstehe. Das Haus hat nur sechs Parteien, man kennt sich. „Ich suche niemanden, der am meisten zahlt, sondern jemanden, der zu uns passt“, erklärt Sandmann. Deshalb unterhält sie sich bei der Besichtigung mit jedem Bewerber ein paar Minuten und achtet darauf, ob jemand Fragen stellt oder nur durch die Räume läuft. Lena hat sich vorgenommen, aufmerksam zu sein und den Altbau zu loben, ohne zu übertreiben. „Man darf nicht wie jemand wirken, der einfach alles nimmt.“
Für Menschen wie Lena hat die Stadt kürzlich eine Vermittlungsstelle eröffnet, die Mieter und Vermieter zusammenbringt. Wer sich dort registriert, lässt seine Unterlagen einmal prüfen und kann sie danach per Knopfdruck an Vermieter schicken. Rund tausend Haushalte nutzen das Angebot bereits, vermittelt wurden bisher aber erst gut hundert Wohnungen. Die Leiterin der Stelle räumt ein, dass das Problem damit nicht gelöst ist: „Wir können keine Wohnungen herbeizaubern. Wir können nur dafür sorgen, dass die Suche fairer und weniger anstrengend wird.“
Nach der Besichtigung stehen Lena und Tom noch eine Weile auf dem Gehsteig. Die Wohnung hat ihnen gefallen: hohe Decken, ein Balkon zum Hof, ein Bad mit Fenster. Aber sie wissen, dass noch neununddreißig andere Paare dasselbe denken. „Wir hören nächste Woche von ihr“, sagt Lena und lächelt. „Und wenn nicht, geht es am Samstag weiter.“
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