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Grün auf Zeit: Warum Gemeinschaftsgärten um ihren Platz kämpfen
In kaum einem Bereich ist Boden so umkämpft wie in den Innenstädten. Wohnungen, Büros, Schulen, Radwege und Parkplätze wollen dort alle untergebracht werden, und jede freie Fläche weckt sofort Begehrlichkeiten. Gemeinschaftsgärten haben in diesem Wettbewerb einen schweren Stand: Sie bringen keine Mieteinnahmen, schaffen kaum Arbeitsplätze, und ihr Nutzen lässt sich nicht so leicht in Euro ausdrücken wie der eines Neubaus.
Die Stadtforscherin Henrike Roth, die seit Jahren die Freiflächenpolitik großer Städte untersucht, hält diese Rechnung für zu kurz gedacht. Ein Garten, sagt sie, erfülle mehrere Aufgaben gleichzeitig: Er kühle die Umgebung an Hitzetagen, nehme Starkregen auf, biete Insekten Nahrung und erzeuge nebenbei jene Kontakte, die in anonymen Wohnvierteln fehlten. „Das Problem ist, dass all diese Leistungen in keiner Bilanz auftauchen“, so Roth. „Der Gewinn fällt bei der Allgemeinheit an, die Kosten trägt der Verein.“
Hinzu kommt, dass viele Gärten nur auf Zeit existieren. Besonders verbreitet ist die sogenannte Zwischennutzung: Ein Eigentümer überlässt eine Brache für zwei oder drei Jahre, bis die Bauplanung abgeschlossen ist. Für beide Seiten ist das zunächst bequem. Der Eigentümer vermeidet Müll und Vandalismus auf seinem Grundstück, der Verein erhält kostenlos Platz. Doch die Kehrseite zeigt sich, wenn die Bagger anrücken. Hochbeete lassen sich noch abbauen, Obstbäume und ein über Jahre gewachsener Boden nicht. „Wer weiß, dass er nach drei Jahren gehen muss, pflanzt keine Apfelbäume“, sagt Roth. Entsprechend genügsam seien viele Zwischennutzungsgärten angelegt: Kübel statt Beete, Paletten statt fester Zäune.
Einige Kommunen haben darauf reagiert. Die Stadt Hohenfeld etwa hat vor drei Jahren ein Flächenkataster eingeführt. Darin sind alle städtischen Grundstücke verzeichnet, die voraussichtlich mindestens fünf Jahre nicht bebaut werden. Initiativen können sich um diese Flächen bewerben und erhalten einen Nutzungsvertrag mit fester Laufzeit. Im ersten Jahr gingen vierzehn Bewerbungen ein, neun Gärten wurden bewilligt. Für Roth ist das ein vernünftiger Anfang, aber noch keine Lösung: „Fünf Jahre sind für einen Garten immer noch kurz. Ein Walnussbaum trägt erst nach zehn Jahren.“
Auch die Bürokratie bremst die Initiativen. Wer einen Garten anlegen will, braucht häufig Genehmigungen von mehreren Ämtern: für den Wasseranschluss, für ein Gartenhäuschen, für Feste. Hinzu kommt, dass Versicherungen oder Eigentümer mitunter einen Nachweis über den Zustand des Bodens verlangen. Die Untersuchung kostet schnell mehrere hundert Euro, was für ehrenamtliche Vereine ohne Rücklagen eine hohe Hürde ist. Roth plädiert deshalb für eine zentrale Anlaufstelle in der Verwaltung, die Anträge bündelt und Auskunft gibt, statt Interessierte von Amt zu Amt zu schicken.
Ein weiterer Einwand betrifft die Aufwertung ganzer Viertel. Kritiker weisen darauf hin, dass ein hübscher Garten eine Wohnlage attraktiver mache und damit die Mieten steigen könnten, bis sich die alteingesessene Bevölkerung das Viertel nicht mehr leisten könne. Die Forscherin nimmt diesen Einwand ernst, relativiert ihn aber. Die Entwicklung hänge weniger vom einzelnen Garten ab als von der Bodenpolitik der Stadt. Wo Wohnungen vor Spekulation geschützt seien, profitiere die Nachbarschaft vom Grün, ohne verdrängt zu werden. „Der Garten ist selten die Ursache, er ist häufig nur der sichtbarste Teil eines ohnehin laufenden Wandels“, sagt sie.
Als Alternative zu klassischen Bodenflächen rücken zunehmend ungewöhnliche Standorte in den Blick. Auf Flachdächern von Supermärkten, auf Parkdecks, die tagsüber leer stehen, und in Innenhöfen von Wohnblöcken sind in den vergangenen Jahren Hochbeetgärten entstanden. Sie schonen die knappe Bodenfläche, stellen aber eigene Anforderungen: Dächer müssen das Gewicht nasser Erde tragen, und der Zugang muss für Ältere und Menschen mit Behinderung ohne Hürden möglich sein. Roth warnt davor, solche Lösungen als Ausrede zu benutzen. „Ein Dachgarten ist eine schöne Ergänzung, aber er ersetzt keine Wiese, auf der Kinder barfuß laufen können.“ Gerade in dicht bebauten Stadtteilen bleibe der Garten am Boden unverzichtbar.
Am Ende, so Roth, gehe es um eine Grundsatzfrage: ob öffentliche Flächen als Kapital oder als Gemeingut verstanden werden. Wer Gärten nur als Platzhalter für spätere Bauten betrachte, werde ihnen nicht gerecht. Sie wünscht sich, dass ein fester Anteil der städtischen Flächen dauerhaft für gemeinschaftliche Nutzung gesichert wird, und dass bei neuen Quartieren Gärten von Anfang an mit eingeplant werden. „Dann müssten wir nicht jedes Mal von vorn anfangen, wenn ein Verein eine Wiese pachten möchte.“
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