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Der Wecker klingelt später
In der Kleinstadt Hallbach beginnt der Unterricht am Gymnasium seit gut einem Jahr nicht mehr um Viertel vor acht, sondern erst um halb neun. Was zunächst als gewagtes Experiment galt, hat die gesamte Schulgemeinschaft verändert – und zwar nicht nur am Morgen. Die Schulleiterin Corinna Weidner erinnert sich an die Skepsis vor dem Start: „Viele dachten, die Jugendlichen gehen dann einfach noch später ins Bett, und am Ende gewinnt niemand etwas.“
Der Hintergrund des Projekts ist ein biologischer. In der Pubertät verschiebt sich die innere Uhr junger Menschen um ein bis zwei Stunden nach hinten. Das Schlafhormon Melatonin wird abends später ausgeschüttet, weshalb viele Fünfzehnjährige vor elf Uhr schlicht nicht müde sind. Müssen sie trotzdem um sechs Uhr aufstehen, um den Schulbus zu erreichen, kommen sie auf deutlich weniger Schlaf als empfohlen. Mediziner halten für Jugendliche acht bis zehn Stunden pro Nacht für sinnvoll. Der Schlafmediziner Tobias Reinicke, der das Projekt wissenschaftlich begleitet, spricht von einem „dauerhaften Mini-Jetlag unter der Woche“.
Die Begleitstudie erfasste über zwei Schuljahre die Schlafzeiten von rund vierhundert Schülerinnen und Schülern, teils per Fragebogen, teils mit Armbändern, die Bewegungen messen. Das Ergebnis überraschte selbst die Optimisten: Die Jugendlichen schliefen an Schultagen im Durchschnitt knapp vierzig Minuten länger als zuvor. Der Zeitpunkt, zu dem sie abends einschliefen, verschob sich dagegen kaum. Außerdem sank die Zahl der Fehltage wegen Krankheit um etwa ein Zehntel, und die Lehrkräfte berichten, dass die ersten beiden Stunden spürbar ruhiger und konzentrierter verlaufen.
Ganz ohne Reibung verlief die Umstellung allerdings nicht. Die Busgesellschaft musste ihre Fahrpläne ändern, was erst nach monatelangen Verhandlungen gelang. Weil der Nachmittagsunterricht nun später endet, musste auch der Sportverein der Stadt sein Jugendtraining nach hinten verlegen. Einige Eltern kritisierten, dass ihre Kinder abends später nach Hause kommen und die gemeinsame Zeit schrumpft. Den Lehrkräften wiederum fehlte plötzlich der Raum für Konferenzen, die früher vor dem Unterricht stattfanden. Die Schule löste das Problem, indem sie die Besprechungen auf den Freitagnachmittag legte, an dem die Jugendlichen ohnehin frei haben.
Besonders aufschlussreich ist eine Umfrage, die zum Ende des ersten Jahres durchgeführt wurde. Fast neun von zehn Schülerinnen und Schülern möchten den späteren Beginn nicht mehr missen, während die Zustimmung unter den Eltern bei etwa zwei Dritteln liegt. Der Zehntklässler Samuel erzählt, er habe morgens zum ersten Mal Zeit zum Frühstücken: „Früher habe ich bis kurz vor Abfahrt des Busses geschlafen und dann gar nichts gegessen.“ Andere berichten, dass sie im Unterricht weniger gähnen und sich mehr trauen, sich zu melden.
Auch die Lehrkräfte ziehen eine gemischte, aber überwiegend positive Bilanz. Die Physiklehrerin Annette Kluge sagt, sie habe in der ersten Stunde lange gegen Müdigkeit angekämpft, jetzt könne sie schon früh komplexe Themen einführen. Der Sportlehrer dagegen bedauert, dass Wettkämpfe und Ausflüge wegen des späteren Unterrichtsendes schwerer zu planen sind. Außerdem gibt es einen finanziellen Aspekt: Die Stadt musste zusätzliche Fahrten im Nachmittagsverkehr bezahlen, damit die Schüler nach Schulschluss nicht lange warten müssen. Die Kosten halten sich nach Angaben des Rathauses jedoch in Grenzen und werden vom Landkreis teilweise übernommen.
Kritiker wenden ein, die Arbeitswelt richte sich schließlich auch nicht nach dem Biorhythmus von Teenagern. Schulleiterin Weidner hält dagegen, Schule solle Lernen ermöglichen und nicht trainieren, wie man Schlafmangel durchhält. Gleichzeitig räumt sie ein, dass ein späterer Beginn kein Allheilmittel sei: „Wer nachts bis zwei Uhr am Smartphone hängt, wird auch um halb neun müde sein.“ Deshalb gibt es an der Schule inzwischen eine Projektwoche zum Thema Schlaf, zu der auch die Eltern eingeladen sind.
Auf Elternabenden wird inzwischen auch über etwas gesprochen, das vorher kaum Thema war: die Abende zu Hause. Mehrere Familien haben vereinbart, dass Handys ab einer festen Uhrzeit im Flur bleiben, und berichten, dass dadurch auch der Streit um die Hausaufgaben abgenommen habe. Ein Vater sagt, sein Sohn sei morgens zum ersten Mal ansprechbar gewesen, ohne dass er ihn dreimal wecken musste. Die Schule sammelt solche Erfahrungen und will sie im Herbst in einer kleinen Broschüre für andere Familien veröffentlichen.
Andere Schulen in der Region beobachten das Experiment genau. Zwei von ihnen haben angekündigt, im kommenden Schuljahr nachzuziehen. Ein weiteres Gymnasium lehnt eine Verschiebung dagegen ab, weil dort viele Schüler mit dem Zug aus den umliegenden Dörfern anreisen und sich die Verbindungen nicht anpassen lassen. Der Landkreis will nun prüfen, ob sich ein gemeinsamer Fahrplan für alle weiterführenden Schulen organisieren lässt. Reinicke dämpft allzu große Erwartungen: Ein einzelnes Projekt beweise noch nichts über alle Schulformen, doch die Richtung sei klar. Schlaf, sagt er, sei keine Privatsache der Jugendlichen, sondern eine Frage der Rahmenbedingungen, die Erwachsene gestalten.
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