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Singen gegen das Schweigen
Montagvormittag, kurz nach zehn, in einem hellen Gruppenraum des Rehazentrums am Weiher. Zwölf Menschen sitzen im Halbkreis, vor ihnen steht der Musiktherapeut Jonas Wirth mit einer Gitarre. Er schlägt einen Akkord an, nickt in die Runde, und die Gruppe beginnt zu singen. Das Lied klingt ein wenig schief, aber erstaunlich klar. Was Besucher nicht sofort bemerken: Mehr als die Hälfte der Sängerinnen und Sänger kann im Alltag kaum einen vollständigen Satz sprechen. Sie haben einen Schlaganfall erlitten und leiden unter einer Aphasie, einer Sprachstörung, bei der das Gehirn Wörter nicht mehr zuverlässig abruft.
Dass Menschen mit Aphasie oft noch singen können, obwohl ihnen das Sprechen schwerfällt, ist seit Langem bekannt. Pflegekräfte beobachteten schon früh, dass Patienten, die auf Fragen nur mit einzelnen Silben antworteten, ein altes Volkslied fehlerfrei mitsangen. Die Erklärung der Fachleute: Bei den meisten Menschen wird Sprache überwiegend in der linken Hirnhälfte verarbeitet, und genau dort liegen nach einem Schlaganfall häufig die Schäden. Beim Singen dagegen arbeiten beide Hälften zusammen, und Regionen der rechten Seite können Aufgaben übernehmen, wenn die linke ausfällt.
„Wir benutzen die Melodie wie ein Geländer“, sagt Wirth. In der sogenannten melodischen Intonationstherapie werden kurze Alltagssätze zunächst gesungen, auf nur zwei Tönen und in einem ruhigen Rhythmus. Die Patienten klopfen dazu mit der linken Hand den Takt auf den Tisch. Erst wenn das sicher klappt, nimmt der Therapeut die Melodie Schritt für Schritt zurück, bis der Satz nur noch gesprochen wird. „Guten Morgen, wie geht es Ihnen?“ ist ein solcher Satz. Für manche Teilnehmer ist es nach Monaten des Schweigens der erste, den sie wieder vollständig herausbringen.
Einer von ihnen ist Heinz Albrecht, 58, früher Busfahrer. Vor neun Monaten brach er in der Küche zusammen. Als er im Krankenhaus erwachte, wusste er genau, was er sagen wollte, doch es kam nichts. „Der Kopf war voll, der Mund war leer“, beschreibt er es heute, langsam und mit vielen Pausen. Am Anfang habe er die Gruppe für Zeitverschwendung gehalten, ausgerechnet Kinderlieder zu singen sei ihm peinlich gewesen. Nach sechs Wochen jedoch rief er zum ersten Mal seine Tochter an und fragte: „Kommst du am Sonntag?“ „Es waren nur vier Wörter“, sagt er. „Aber ich habe sie selbst gesagt.“
Wirth betont, dass nicht allein das Singen wirkt. „Viele Betroffene ziehen sich zurück, weil sie sich schämen, wenn andere auf ihre Antwort warten müssen“, sagt er. In der Gruppe dagegen müsse niemand warten, denn alle sprächen im selben Moment, und Fehler gingen im gemeinsamen Klang unter. Das nehme den Druck und mache Mut. Einige Teilnehmer treffen sich inzwischen auch außerhalb der Therapie zum Kaffee, was für Menschen, die sich vorher kaum aus dem Haus trauten, ein großer Schritt sei. Auch die Angehörigen sind eingeladen, einmal im Monat mitzusingen. Sie lernen dabei, Geduld zu haben und nicht ungefragt Sätze zu beenden, was viele Betroffene als entmündigend erleben.
Die Klinik hat die Ergebnisse der vergangenen Kurse ausgewertet. Danach konnte die Mehrheit der Teilnehmer nach zwölf Wochen deutlich mehr Wörter pro Minute sprechen als zu Beginn. Wirth warnt jedoch vor übertriebenen Erwartungen: Eine Auswertung ohne Vergleichsgruppe beweise nicht, dass allein die Musik den Unterschied mache, denn auch die Zeit und die parallele Logopädie spielten eine Rolle. „Die Gruppe ersetzt keine Sprachtherapie“, sagt er, „sie ergänzt sie.“ Die Logopädinnen des Hauses sehen das ähnlich und schicken ihre Patienten gern in den Kurs, weil diese danach oft motivierter in die Einzelstunden kommen.
Die Krankenkassen bezahlen die Einzeltherapie, die Gruppe dagegen wird bisher vom Förderverein des Zentrums und durch Spenden finanziert. Wirth wünscht sich, dass sich das ändert. Außerdem plant er Aufnahmen mit den wichtigsten Übungssätzen, die Patienten zu Hause üben können, am besten gemeinsam mit ihren Angehörigen. Denn die Fortschritte, so seine Erfahrung, bleiben nur erhalten, wenn weiter geübt wird. Die Nachfrage ist größer als das Angebot: Für den nächsten Kurs stehen bereits mehr als doppelt so viele Interessierte auf der Warteliste, wie Plätze zur Verfügung stehen.
Nicht jeder findet sofort Zugang. Eine Teilnehmerin, die früher als Lehrerin gearbeitet hat, verließ die Gruppe in den ersten Sitzungen mehrfach unter Tränen, weil ihr das Singen die eigene Hilflosigkeit vor Augen führte. Wirth ließ sie gewähren und bot ihr an, zunächst nur zuzuhören. Heute sitzt sie in der ersten Reihe und gibt den Einsatz für das Schlusslied. Solche Verläufe, sagt er, seien nicht planbar, aber sie kämen häufiger vor, als man denke.
Zum Schluss singt die Gruppe noch einmal, diesmal ohne Gitarre. Albrecht steht auf, die Hand fest am Stuhl, und singt lauter als alle anderen. Dann sagt er, ohne zu zögern: „Bis nächste Woche.“
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