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Samstag ist Sprachtag
Samstagmorgen, kurz vor neun, in einem Gemeindehaus am Stadtrand von Kirchfeld. Zwischen Garderobenhaken und Kinderschuhen drängen sich Eltern, die ihre Kinder nicht zum Fußballtraining, sondern zum Unterricht bringen. In den Räumen im ersten Stock lernen rund neunzig Kinder zwischen vier und fünfzehn Jahren ihre Familiensprachen: Polnisch, Arabisch, Russisch, Türkisch und seit dem vergangenen Jahr auch Ukrainisch. Die Samstagsschule wird von einem Elternverein getragen und finanziert sich aus bescheidenen Beiträgen und einem kleinen Zuschuss der Stadt.
Gegründet hat sie Dorota Nowak, eine ausgebildete Lehrerin, die vor vielen Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland kam. „Mein Sohn verstand alles, was ich sagte, antwortete aber konsequent auf Deutsch“, erzählt sie. „Da wurde mir klar: Wenn wir nichts unternehmen, bleibt die Sprache seiner Großmutter für ihn eine Fremdsprache.“ Zuerst trafen sich fünf Familien reihum in Wohnzimmern, später mietete man den Gemeindesaal. Heute gibt es Wartelisten für fast jede Gruppe.
Mit klassischem Frontalunterricht hat das wenig zu tun. Die Jüngsten singen, spielen Einkaufsladen und basteln, ab der dritten Klasse kommen Lesen und Schreiben dazu, später Grammatik und Literatur. „Wir wollen keine zweite Schule sein“, sagt Nowak. „Die Kinder sind die ganze Woche über müde genug. Sie sollen erleben, dass ihre Sprache etwas mit Spaß und Gemeinschaft zu tun hat.“ Unterrichtet wird überwiegend von Muttersprachlerinnen und Muttersprachlern, darunter Lehrkräfte im Ruhestand, Studierende und Eltern, die sich ein paar Stunden freinehmen.
Ein Blick in den Russischkurs der Zehn- bis Zwölfjährigen zeigt, wie das aussieht. An diesem Morgen schreiben die Kinder Einladungen zu einem erfundenen Geburtstag. Die Lehrerin Olga Sidorova streicht nicht jeden Fehler rot an, sondern bespricht ein paar typische mit der ganzen Gruppe. Manche Kinder schreiben die Wörter so, wie sie sie hören, andere mischen kyrillische und lateinische Buchstaben. „Das ist normal“, sagt Sidorova gelassen. „Wer zwei Schriftsysteme im Kopf hat, muss erst lernen, sie auseinanderzuhalten.“
Dass das Angebot Wirkung zeigt, deutet eine kleine Befragung an, die der Verein vor zwei Jahren unter den Eltern durchführte. Demnach sprach etwa die Hälfte der Kinder vor dem Eintritt in die Samstagsschule zu Hause überwiegend Deutsch; nach zwei Jahren war es nur noch etwa jedes vierte. Wissenschaftlich belastbar sei das nicht, räumt der Vorsitzende Murat Demir ein, „aber es deckt sich mit dem, was wir jede Woche im Gruppenraum sehen“.
Das größte Problem des Vereins ist nicht das Geld, sondern die Zeit. Fast alle Lehrkräfte arbeiten ehrenamtlich oder gegen eine symbolische Aufwandsentschädigung, und viele ziehen nach einigen Jahren weg oder wechseln den Beruf. „Wir leben von Menschen, die Samstag für Samstag auf ihr Wochenende verzichten“, sagt Demir. Zu Beginn des Schuljahres wäre die Arabischgruppe beinahe ausgefallen, weil die Lehrerin umgezogen war. Erst ein Aufruf in den sozialen Netzwerken brachte Ersatz.
Auch die Räume sind ein Dauerthema. Das Gemeindehaus gehört der evangelischen Kirche, die den Saal günstig vermietet, aber nicht garantieren kann, dass er an jedem Samstag frei ist. Sollte die Gemeinde ihn für eigene Veranstaltungen brauchen, muss die Samstagsschule ausweichen. Zwei Gruppen haben deshalb schon einmal in einer Turnhalle gelernt, was die Lehrkräfte als wenig förderlich beschreiben: zu laut, zu kalt und ohne Tafel.
Auch für Eltern ist das Modell nicht immer leicht. Manche Kinder wehren sich gegen den verlorenen freien Samstag: „Mama, die anderen dürfen ausschlafen.“ Der Vater Ivan Petrenko berichtet, seine zwölfjährige Tochter habe monatelang gestreikt und bei jeder Gelegenheit Bauchschmerzen bekommen. Den Umschwung brachte ein Theaterstück, das die Gruppe gemeinsam schrieb und im Gemeindesaal aufführte. „Seitdem fragt sie schon freitags, ob wir die Texte noch einmal durchgehen können“, sagt der Vater und lacht.
Bildungspolitisch wünscht sich der Verein vor allem Anerkennung. In einigen Bundesländern gibt es Herkunftssprachenunterricht an öffentlichen Schulen, in Kirchfeld dagegen nur an einer einzigen Grundschule, und auch dort nur für eine Sprache. „Wir wollen nicht ersetzt werden“, betont Demir, „wir wollen nur, dass unsere Arbeit nicht als Hobby gilt.“ Konkret fordert er verlässliche Räume, eine feste, wenn auch kleine Vergütung für die Lehrkräfte und die Möglichkeit, dass Leistungen der Kinder im Schulzeugnis erwähnt werden. Die Stadtverwaltung verweist auf knappe Kassen, will aber im Herbst ein Gespräch mit dem Verein führen.
Unten im Flur räumen die Kinder um zwölf Uhr ihre Jacken zusammen. Aus einem Gruppenraum schallt ein ukrainisches Lied, aus einem anderen das Gelächter einer Kindergruppe, die gerade ein türkisches Spiel ausprobiert. Eine Mutter, die ihre Tochter abholt, sagt leise: „Am Anfang dachte ich, ich muss sie davor schützen, zu viel zu lernen. Heute denke ich, ich hätte sie viel früher hierherbringen sollen.“
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