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Probearbeiten statt Bauchgefühl
Montagmorgen, kurz vor acht, in einer Tischlerei am Stadtrand: Fünf Neuntklässler stehen in Arbeitsschuhen um eine Werkbank und hören dem Meister zu. Er erklärt, wie man ein Brett richtig einspannt. Für die Jugendlichen ist es der erste Tag ihres zweiwöchigen Betriebspraktikums. Für die Schule ist es ein fester Bestandteil des Lehrplans, mit dem sie verhindern will, dass die Berufswahl dem Zufall überlassen wird.
Der Bedarf ist groß. Befragungen unter Schulabgängern zeigen immer wieder, dass sich viele von ihnen schlecht informiert fühlen. Etwa die Hälfte gibt an, ihre Vorstellungen von einem Beruf vor allem aus Gesprächen mit Eltern und Freunden oder aus sozialen Netzwerken gewonnen zu haben. Das Ergebnis sind Wunschberufe, die sich auf eine Handvoll bekannter Tätigkeiten konzentrieren, während zahlreiche andere Ausbildungsberufe kaum jemandem etwas sagen.
Die Berufsberaterin der Schule, Miriam Oltmanns, kennt dieses Muster. „Viele Jugendliche nennen mir drei Berufe, und bei zweien davon wissen sie nicht genau, was man den ganzen Tag tut“, sagt sie. Deshalb setzt die Schule früh an. Schon in der siebten Klasse füllen die Schüler einen Fragebogen zu Interessen und Stärken aus. Dabei geht es weniger um ein fertiges Ergebnis als um Gesprächsstoff: Die Auswertung dient als Anlass, über Vorlieben nachzudenken, die man sich bisher selbst nicht eingestanden hat.
In der achten Klasse folgt ein sogenannter Berufe-Parcours, bei dem die Schüler an Stationen kleine Aufgaben lösen. Sie löten, backen, bandagieren einen Arm oder programmieren einen Roboter. Wer etwas überraschend gut kann, bekommt eine Rückmeldung, die er sonst nie erhalten würde. Oltmanns erzählt von einem Jungen, der als schüchtern galt und an der Pflegestation plötzlich ruhig und geduldig einer Übungspuppe half. „Danach hat er sich für ein Praktikum im Pflegeheim beworben. Darauf wäre er allein nie gekommen.“
Das Betriebspraktikum in der neunten Klasse bildet den Kern des Programms. Die Schüler suchen sich ihren Platz selbst, was bewusst Teil der Übung ist: Sie müssen Bewerbungen schreiben, telefonieren und Absagen verkraften. Die Schule springt nur dort ein, wo Jugendliche ohne Hilfe scheitern würden, etwa weil die Familie kaum Kontakte zu Betrieben hat. Für diese Fälle hat sie Absprachen mit rund dreißig regionalen Unternehmen getroffen.
Auch die Betriebe profitieren. Der Tischlermeister Jonas Eberle nimmt seit zehn Jahren Praktikanten auf. Dass er dadurch Zeit verliert, bestreitet er nicht: „Am Anfang kostet jeder Schüler mehr, als er einbringt.“ Doch Praktika seien für ihn die beste Möglichkeit, künftige Lehrlinge kennenzulernen. „Zeugnisse sagen mir wenig. Ich sehe in zwei Wochen, ob jemand pünktlich ist, ob er mitdenkt und ob er Dreck an den Händen aushält.“ Von seinen letzten fünf Auszubildenden hat er vier zuvor als Praktikanten erlebt.
Nicht jeder Praktikumsplatz hält, was er verspricht. Oltmanns berichtet von Schülern, die zwei Wochen lang nur Kaffee gekocht oder Akten sortiert haben. Um das zu vermeiden, bekommen die Betriebe einen Leitfaden mit Aufgabenvorschlägen, und die Jugendlichen führen ein Praktikumstagebuch. Darin halten sie täglich fest, was sie getan haben und was ihnen gefallen oder missfallen hat. Das Tagebuch wird nach dem Praktikum im Unterricht besprochen, und zwar nicht, um Noten zu verteilen, sondern um Erfahrungen einzuordnen.
Ein Praktikum kann auch das Gegenteil von Begeisterung auslösen. Als Misserfolg gilt das nach Ansicht der Beraterin keineswegs. „Wenn eine Schülerin nach zwei Wochen sagt, dass sie das nie machen will, hat sie etwas Wertvolles gelernt – und zwar kostenlos und ohne einen Ausbildungsvertrag zu unterschreiben“, sagt Oltmanns. Jede Entscheidung gegen einen Beruf sei ein Schritt hin zu einer passenden Wahl. Tatsächlich ergab eine schulinterne Auswertung, dass etwa ein Drittel der Jugendlichen den Berufswunsch nach dem Praktikum ändert.
Kritiker bemängeln, dass das Programm Kinder zu früh unter Entscheidungsdruck setzt. Mit vierzehn oder fünfzehn Jahren wüssten viele noch gar nicht, wer sie sind. Oltmanns lässt diesen Einwand teilweise gelten. „Wir verlangen ja keine Entscheidung, sondern wir ermöglichen Erfahrungen.“ Wer sich nach der neunten Klasse für das Abitur entscheide, habe trotzdem etwas gewonnen, nämlich ein realistischeres Bild davon, was ihn nach der Schule erwartet. Und wer eine Lehre beginne, tue dies seltener aus Verlegenheit.
In der Tischlerei hat der erste Vormittag derweil Spuren hinterlassen. Ein Mädchen zeigt stolz ihre erste Holzverbindung, die ein bisschen schief geraten ist. „Ich dachte immer, ich würde etwas Kreatives mit Medien machen“, sagt sie. „Aber vielleicht gefällt mir das hier besser.“ Der Meister lächelt und nimmt ihr das Werkstück aus der Hand. „Noch einmal“, sagt er. „Aber diesmal langsamer.“
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