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Ab wann ist man alt genug? Die Debatte um ein Mindestalter für soziale Netzwerke
Wenn Jonas Weber von dem Abend erzählt, an dem seine zwölfjährige Tochter weinend aus ihrem Zimmer kam, wird seine Stimme leiser. In einer Klassenchatgruppe hatte jemand ein peinliches Foto von ihr geteilt, und innerhalb einer Stunde hatten es mehr als fünfzig Mitschüler gesehen. „Ich hatte ihr das Konto nur erlaubt, weil alle anderen auch eines hatten“, sagt Weber. „Das war mein Fehler.“
Webers Fall ist kein Einzelfall. Beratungsstellen berichten, dass sich die Anfragen von Eltern jüngerer Kinder in den vergangenen Jahren deutlich gehäuft haben. Solche Geschichten tragen dazu bei, dass die Frage nach einem gesetzlichen Mindestalter für soziale Netzwerke die Politik zunehmend beschäftigt. Formal liegt die Grenze bei den meisten Plattformen bei dreizehn Jahren. In der Praxis spielt sie kaum eine Rolle, denn bei der Anmeldung genügt es, ein falsches Geburtsdatum einzutippen. Laut einer Elternbefragung besitzt ungefähr die Hälfte der Kinder ein eigenes Profil, bevor sie dreizehn wird.
Befürworter einer strengeren Regelung, darunter mehrere Kinderärzte, verweisen auf die Entwicklung des Gehirns. Bis ins junge Erwachsenenalter reife vor allem jener Bereich, der für Impulskontrolle und das Abwägen von Folgen zuständig sei. Kurzvideos, die im Sekundentakt belohnen, träfen deshalb auf ein System, das ihnen wenig entgegensetzen könne. Die Kinderärztin Helga Roth vergleicht das mit dem Straßenverkehr: „Wir erlauben Zwölfjährigen ja auch nicht, Auto zu fahren, nur weil sie die Pedale erreichen.“
Gegner einer Altersgrenze halten dagegen, dass ein Verbot die Falschen treffe. Der Jugendforscher Tobias Hagen argumentiert, gerade für Jugendliche auf dem Land oder in Minderheiten seien Netzwerke oft die einzige Möglichkeit, Unterstützung zu finden. Ein Verbot würde sie isolieren, ohne das eigentliche Problem anzugehen, nämlich Plattformen, die auf maximale Verweildauer ausgelegt sind. Außerdem sei fraglich, wie ein Alterslimit überhaupt kontrolliert werden solle. Ein Ausweis-Check bei jeder Anmeldung bedeute, dass sensible Daten bei Unternehmen landen, denen viele Eltern ohnehin misstrauen. Technische Lösungen wie eine automatische Altersschätzung anhand des Gesichts gelten dagegen als fehleranfällig und umstritten.
Die Anbieter selbst verweisen auf Kindersicherungen, die sich in den Einstellungen aktivieren lassen, etwa Zeitlimits oder die Möglichkeit, Kommentare zu sperren. Nach Angaben eines Branchenverbands nutzt allerdings nur ein kleiner Teil der Eltern diese Funktionen. Kritiker halten das für ein Ablenkungsmanöver: Wer die Verantwortung bei den Familien abladen wolle, müsse sich nicht selbst ändern. Auch der Blick ins Ausland macht wenig Hoffnung auf einfache Antworten. Wo Altersgrenzen strenger durchgesetzt werden, weichen Jugendliche häufig auf kleinere Dienste oder auf die Konten älterer Geschwister aus, die noch weniger Schutz bieten.
Einen Mittelweg schlägt eine Expertenkommission vor, die im vergangenen Jahr von der Landesregierung eingesetzt wurde. Sie empfiehlt eine Staffelung: Bis zum dreizehnten Geburtstag soll ein eigenes Profil gar nicht möglich sein. Zwischen dreizehn und sechzehn Jahren soll es nur mit Zustimmung der Eltern und mit voreingestellten Schutzfunktionen erlaubt sein, etwa mit gesperrten Nachrichten von Fremden und ohne endlos laufende Videofeeds. Erst danach sollen Jugendliche die Plattformen uneingeschränkt nutzen dürfen. Zusätzlich sollen die Anbieter verpflichtet werden, ihre Empfehlungsalgorithmen von unabhängigen Stellen prüfen zu lassen.
Ob ein solches Modell im Alltag funktionieren würde, ist offen. Die Kommission räumt selbst ein, dass sich keine Regel hundertprozentig durchsetzen lasse. Ihr gehe es darum, einen Rahmen zu schaffen, an dem sich Eltern orientieren können, und den Druck von einzelnen Familien zu nehmen. Bisher müsse jede Mutter und jeder Vater allein entscheiden, ob das eigene Kind als Außenseiter dasteht, wenn es als Einziges in der Klasse kein Profil besitzt. Eine gemeinsame Grenze, so die Hoffnung der Experten, würde diesen Konflikt entschärfen.
Skepsis gibt es an einer anderen Stelle: bei den Schulen. Viele Lehrkräfte fühlen sich überfordert. In einer Umfrage unter Lehrerinnen und Lehrern gab die Mehrheit an, im Studium nie etwas über den Umgang mit digitalen Medien gelernt zu haben. Trotzdem sollen sie Cybermobbing erkennen, Streit schlichten und Eltern beraten. Fortbildungen gibt es zwar, aber sie sind freiwillig, und die Termine fallen oft mit dem Unterricht zusammen.
Jonas Weber hat inzwischen seine eigene Lösung gefunden. Seine Tochter darf das Profil behalten, doch das Handy bleibt nachts im Flur, und einmal in der Woche schauen beide gemeinsam durch die Kontaktliste. Ein Patentrezept sei das nicht, sagt er. Seine Tochter habe zwei Wochen lang geschmollt, und manchmal liefen die Gespräche zäh. „Aber wir reden wieder darüber, was sie dort sieht. Das ist mehr wert als jede Altersgrenze.“
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