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Tiefes Lesen in Zeiten des Scrollens
Wer morgens in der Bahn die Mitreisenden beobachtet, sieht fast überall dasselbe Bild: gesenkte Köpfe, wischende Daumen. Gelesen wird so viel wie nie zuvor, ob Nachrichten, Chatverläufe, Kommentare oder Produktbewertungen. Und doch klagen Lehrkräfte, Eltern und Verlage übereinstimmend, dass immer weniger Menschen ein ganzes Buch zu Ende lesen. Die Leseforscherin Annika Vogt hält das nicht für einen Widerspruch. „Wir nehmen täglich eine riesige Menge an Wörtern auf, aber wir lesen sie anders als früher", sagt sie.
Vogt untersucht seit Jahren, wie sich das Leseverhalten mit dem Medium verändert. Texte am Bildschirm würden meist überflogen: Das Auge springt zu Überschriften, fett gedruckten Passagen und Aufzählungen und sucht gezielt nach Stichwörtern. Dieses „Scannen" sei für die Orientierung im Netz durchaus nützlich. Zum Problem werde es erst, wenn sich die Gewohnheit verselbstständige. „Wer auch bei einem Fachaufsatz oder einem Roman nur nach Schlüsselwörtern sucht, verpasst Zusammenhänge, Zwischentöne und Argumentationsketten", erklärt die Forscherin.
Dass gedrucktes Papier grundsätzlich besser sei, will sie dennoch nicht behaupten. In mehreren Vergleichsstudien, die sie auswertete, schnitten die Teilnehmer bei kurzen, einfachen Texten am Bildschirm genauso gut ab wie auf Papier. Spürbare Unterschiede zeigten sich vor allem bei langen und anspruchsvollen Texten, und zwar besonders dann, wenn die Probanden unter Zeitdruck standen. Einen Grund sieht Vogt in der räumlichen Orientierung. Beim gedruckten Buch fühle man mit den Fingern, wie weit man gekommen ist, man sehe die Dicke des noch ungelesenen Stapels und merke sich, ob eine Information links oder rechts, am Seitenanfang oder weiter unten stand. Auf dem Display fehle diese Stütze für das Gedächtnis, weil der Text einfach vorbeiziehe. „Das Gehirn legt Inhalte gern an einem Ort ab. Beim Scrollen gibt es diesen Ort nicht."
Eine zweite Beobachtung betrifft die Selbsteinschätzung. Viele Leser überschätzten, wie viel sie am Bildschirm verstanden haben. Sie fühlten sich sicher, beantworteten Verständnisfragen später aber schlechter, als sie erwartet hatten. Wer dagegen gedruckte Texte las, schätzte sich vorsichtiger ein und lag damit häufiger richtig. Vogt vermutet, dass das flüssige, mühelose Gefühl beim Scrollen eine trügerische Sicherheit erzeugt: Was sich leicht lesen lässt, scheint auch leicht verstanden zu sein.
Hinzu kommt die ständige Unterbrechung. Wer am Bildschirm liest, sieht neben dem Text Hinweise auf neue Nachrichten, Werbeflächen und Verweise auf andere Seiten, und jeder Klick lockt in eine andere Richtung. Nach einer Umfrage, auf die sich Vogt beruft, liest etwa jeder dritte Jugendliche am Tag keine zehn Minuten am Stück. Die Forscherin sieht darin weniger ein Versagen der jungen Generation als eine Folge der Umgebung: „Unsere Geräte sind darauf gebaut, Aufmerksamkeit zu verteilen, nicht sie zu bündeln. Dagegen anzukommen, kostet Willenskraft, die gerade Kinder noch nicht automatisch besitzen.“ Auch Erwachsene scheiterten daran, wie viele Leser bei sich selbst feststellten, wenn sie ein Buch zur Hand nehmen und nach wenigen Seiten doch wieder zum Telefon greifen.
Für die Schule hat die Forscherin eine pragmatische Empfehlung. Statt digitale Geräte aus dem Klassenzimmer zu verbannen, solle man Kindern beibringen, das Lesetempo bewusst zu wechseln. Zuerst überfliegt man einen Text, um zu entscheiden, ob er relevant ist. Danach liest man ihn langsam, markiert Schlüsselstellen, macht Notizen und fasst jeden Absatz mit eigenen Worten zusammen. „Das ist eine Technik, die sich ebenso am Tablet wie auf Papier üben lässt", betont Vogt. Besonders wirksam sei außerdem das Vorlesen im Kleinkindalter. Wer früh erlebt habe, dass eine Geschichte viele Seiten trägt, halte später auch längere Texte leichter durch. Zugleich warnt sie davor, Eltern pauschal die Schuld zu geben: Kinder ahmten nach, was sie sehen, und wenn Erwachsene selbst ständig auf das Telefon blicken, helfe auch der schönste Vorlesetermin nur begrenzt.
Eine Rückkehr in die Zeit vor dem Internet erwartet die Wissenschaftlerin nicht. Hörbücher, E-Reader und Lese-Apps hätten viele Menschen überhaupt erst wieder zum Lesen gebracht, etwa Pendler, Vielbeschäftigte oder Menschen mit Sehschwäche, die die Schrift beliebig vergrößern können. Entscheidend sei deshalb weniger das Medium als die Frage, ob man sich Zeit nimmt. Ihr Vorschlag ist bescheiden, aber konsequent: jeden Tag eine feste Lesezeit ohne Benachrichtigungen, und sei es nur eine Viertelstunde. „Konzentration ist wie ein Muskel", sagt Vogt. „Wer ihn nie benutzt, darf sich nicht wundern, wenn er schwächer wird."
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