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Leitungswasser: besser als sein Ruf?
In kaum einem anderen Land werden so viele Flaschen Wasser getragen, gekühlt und wieder zurückgebracht wie in Deutschland. Dabei kommt aus dem Hahn ein Lebensmittel, das nach Ansicht vieler Fachleute kaum besser sein könnte. Der Chemiker Markus Feldmann, der in einem kommunalen Untersuchungslabor arbeitet, kennt die Skepsis. „Wenn ich auf Feiern erzähle, was ich beruflich mache, werde ich fast immer gefragt: Kann man das wirklich trinken?“, sagt er. „Ich antworte dann, dass ich es seit Jahren jeden Tag tue.“
Nach einer Umfrage, auf die er sich bezieht, greift etwa jeder dritte Haushalt regelmäßig zu Flaschenwasser, viele davon aus Gewohnheit oder aus dem Wunsch nach Kohlensäure. Eine Mehrheit der Befragten gab jedoch an, dem Leitungswasser nicht ganz zu vertrauen, ohne genau zu wissen, warum.
Der Grund für seine Gelassenheit sind die Kontrollen. Leitungswasser gilt als eines der am strengsten überwachten Lebensmittel überhaupt. Versorger müssen regelmäßig an verschiedenen Stellen im Netz Proben nehmen und auf Bakterien, Schwermetalle und Rückstände von Pflanzenschutzmitteln untersuchen lassen, die Ergebnisse sind öffentlich einsehbar. Für Mineralwasser gelten dagegen andere Regeln. Es muss vor allem aus einer geschützten Quelle stammen und von „ursprünglicher Reinheit“ sein, wird aber meist seltener und weniger umfassend geprüft. „Das heißt nicht, dass es schlecht wäre“, betont Feldmann. „Es heißt nur, dass Flaschenwasser kein Qualitätsversprechen ist, das dem Leitungswasser überlegen wäre.“
Probleme entstehen nach seinen Worten selten im Wasserwerk, sondern auf den letzten Metern. „Wenn das Wasser das Haus erreicht, hat der Versorger seine Verantwortung abgegeben“, erklärt er. „Ab da zählt, was in den Wänden liegt.“ In Gebäuden, die vor einigen Jahrzehnten gebaut wurden, finden sich teilweise noch Leitungen aus Blei, und auch bei Rohren aus anderen Metallen können sich Stoffe lösen, vor allem wenn das Wasser lange in der Leitung gestanden hat. Wer in einem Altbau wohnt, sollte deshalb morgens oder nach einem Urlaub das Wasser kurz laufen lassen, bis es spürbar kühler wird. Eigentümer sind außerdem gut beraten, die Leitungen prüfen zu lassen und bei Bedarf auszutauschen. Warmwasser sollte grundsätzlich nicht zum Kochen oder für Babynahrung verwendet werden, weil sich darin mehr Stoffe aus den Rohren lösen als im kalten Wasser.
Ein häufiger Anlass für Beschwerden hat dagegen mit Gesundheit wenig zu tun. In Regionen mit hartem Wasser setzt sich Kalk in Kaffeemaschinen und Wasserkochern ab, und der weiße Belag wirkt auf viele Verbraucher bedrohlich. „Kalk ist für den Menschen unbedenklich“, sagt Feldmann. „Er belastet die Geräte, nicht den Körper.“ Ähnlich verhält es sich mit dem Geschmack. Manche Versorger desinfizieren das Wasser mit kleinen Mengen Chlor, damit es auf dem Weg zum Kunden keimfrei bleibt. Der Geruch verfliegt, wenn man einen Krug einige Minuten offen im Kühlschrank stehen lässt.
Ein weiteres Argument für Mineralwasser lautet, es versorge den Körper mit wichtigen Mineralstoffen. Feldmann hält das für übertrieben. Der Gehalt an Kalzium und Magnesium sei bei vielen Sorten nicht höher als im Leitungswasser, und den Großteil dieser Stoffe nehme der Mensch ohnehin über die Nahrung auf. Wer sich besonders mineralstoffreich ernähren wolle, finde in Gemüse, Milchprodukten und Nüssen bessere Quellen. Das Etikett einer Flasche zu lesen, sei trotzdem lehrreich, räumt der Chemiker ein, denn dort stehe häufig, wie viel Natrium enthalten ist, und wer salzarm essen müsse, achte besser darauf.
Auch beim Preis liegt das Leitungswasser vorn. Ein Liter kostet nur einen Bruchteil dessen, was für Flaschenwasser bezahlt wird, und anders als beim Kistenschleppen kommt es ohne Anstrengung ins Haus. Das wirkt sich auch auf die Umweltbilanz aus. Flaschen müssen hergestellt, befüllt, transportiert, gekühlt und wieder eingesammelt werden. Selbst Mehrwegflaschen, die deutlich besser abschneiden als Einwegflaschen, legen dabei oft weite Strecken zurück. Leitungswasser fließt dagegen ohne Verpackung und ohne Lastwagen zum Verbraucher. Für Menschen, die Kohlensäure mögen, empfiehlt Feldmann einen Wassersprudler, der sich in der Küche aufstellen lässt.
Skeptisch ist der Chemiker gegenüber Tischwasserfiltern. Viele Haushalte kauften sie in der Hoffnung, ihr Wasser dadurch zu verbessern, obwohl das in den meisten Fällen unnötig sei. Zugleich bergen sie ein Risiko: In den warmen, feuchten Kartuschen können sich Keime vermehren, wenn der Filter nicht regelmäßig gewechselt wird. „Ein schlecht gepflegter Filter macht aus gutem Wasser schlechtes“, warnt er. Nur in besonderen Fällen, etwa bei nachgewiesenen Belastungen im Hausnetz, hält er Filter für sinnvoll. Wer wissen will, ob mit seinem Wasser alles in Ordnung ist, kann beim Versorger die aktuellen Messwerte erfragen oder eine Probe in einem Labor untersuchen lassen. „Das kostet wenig und beruhigt“, sagt Feldmann.
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