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Zwischen Biergarten und Schlafzimmer
Freitagabend, kurz nach zehn, in der Altstadt von Brunnental. Tarek Demir geht mit einem Tablett über seine Terrasse und bittet die letzten Gäste freundlich, ihre Gläser auszutrinken. Ab zweiundzwanzig Uhr gilt in der Gasse die Nachtruhe, und wer sich nicht daran hält, riskiert eine Verwarnung der Stadt oder sogar den Verlust der Erlaubnis für die Außenplätze. Gegenüber, im ersten Stock, schließt Helga Bruns ihr Fenster. Es ist ein Ritual, das beide Seiten kennen und das trotzdem selten reibungslos abläuft.
Konflikte dieser Art gibt es in vielen Städten. Wo Menschen wohnen und zugleich ausgehen wollen, prallen Interessen aufeinander. Die Vorschriften sind eindeutig: In Wohngebieten sind die zulässigen Lärmwerte nachts deutlich niedriger als tagsüber, und Gaststätten müssen sicherstellen, dass ihr Betrieb die Nachbarn nicht erheblich stört. In der Praxis lassen sich diese Werte aber schwer überprüfen. Gemessen wird meist erst, wenn Beschwerden eingehen, und dann steht oft Aussage gegen Aussage.
Für die Wirte geht es um die wirtschaftliche Existenz. „Im Sommer erwirtschafte ich auf der Terrasse fast zwei Drittel meines Umsatzes“, sagt Demir, der sein Lokal vor acht Jahren übernommen hat. Seit der Pandemie haben viele Städte die Außengastronomie ausgeweitet, weil sie im Freien als sicherer galt. Die zusätzlichen Tische sind geblieben, und mit ihnen die Beschwerden. Demir kann beide Seiten verstehen. „Ich wohne selbst in der Nähe. Wenn um Mitternacht jemand unter meinem Fenster schreit, fluche ich auch.“
Helga Bruns, pensionierte Lehrerin, wohnt seit vierzig Jahren in der Gasse. Sie ist keine Gegnerin der Gastronomie, im Gegenteil. „Ich gehe selbst gern aus, und eine Altstadt ohne Leben wäre ein Museum“, sagt sie. Was sie stört, sind weniger die Gäste als die Geräusche drumherum. „Wenn um elf die Stühle über das Pflaster gezogen werden, dann klingt das, als würde jemand Möbel rücken. Und die Flaschen, die in die Container fallen, höre ich bis ins Schlafzimmer.“ Dass sie danach oft nicht mehr einschlafen kann, hat sie dem Wirt mehrfach gesagt, anfangs unfreundlich, später in ruhigem Ton.
Weil die Beschwerden zunahmen, lud die Stadtverwaltung im vergangenen Frühjahr Anwohner, Wirte und Vertreter des Ordnungsamts zu einem runden Tisch ein. Der Anstoß kam also nicht von den Gastwirten, und auch kein Gericht hatte die Stadt zu diesem Schritt gezwungen. Moderiert wurden die Gespräche von einer Mediatorin, die zunächst alle Beteiligten bat, aufzuschreiben, was sie am Verhalten der anderen Seite am meisten ärgert. „Viele waren überrascht, wie wenig sich die Listen unterschieden“, erinnert sich die Mediatorin.
Am Ende stand ein Maßnahmenpaket, das alle unterschrieben haben. Die Terrassen schließen von Sonntag bis Donnerstag um zweiundzwanzig Uhr, am Freitag und Samstag um dreiundzwanzig Uhr. Stühle und Tische erhalten Gleiter aus Filz. Altglas darf nach zwanzig Uhr nicht mehr entsorgt werden. Außerdem sprechen sogenannte Lärmlotsen, geschulte Mitarbeiter der Lokale, laute Gäste freundlich an und bitten sie, leiser zu sein, bevor ein Anwohner die Polizei ruft. „Die meisten reagieren verständnisvoll“, sagt Demir. „Wenn man freundlich fragt, hat kaum jemand etwas dagegen.“
Zusätzlich richtete die Stadt ein Beschwerdetelefon ein, das an Wochenenden bis zwei Uhr nachts besetzt ist. Die Anrufe werden gesammelt, ausgewertet und einmal im Quartal mit den Beteiligten besprochen. So lässt sich erkennen, ob es einzelne Lokale sind, die auffallen, oder ob es sich um ein allgemeines Problem handelt.
Nach einem Jahr fällt die Bilanz überwiegend positiv aus. Die Zahl der Beschwerden ist nach Angaben der Stadt um etwa ein Drittel zurückgegangen. Auch Frau Bruns räumt ein, dass es ruhiger geworden ist. Ganz zufrieden ist sie dennoch nicht. „Die Regeln gelten, aber nicht jeder Wirt hält sich mit derselben Sorgfalt daran. Ich wünsche mir mehr Kontrollen.“ Mancher Wirt hingegen klagt über die früheren Schließzeiten und über Gäste, die lieber in ein anderes Viertel ausweichen, wo es keine Beschränkungen gibt.
Die Stadt will aus den Erfahrungen lernen und bei künftigen Bauprojekten bessere Lösungen suchen. Wo neue Wohnungen über oder neben bestehenden Lokalen entstehen, sollen Bauherren verpflichtet werden, ausreichenden Schallschutz einzubauen, damit sich der Konflikt gar nicht erst entwickelt. Denn in einem sind sich Demir und Bruns inzwischen einig: Eine lebendige Altstadt braucht sowohl Gäste als auch Anwohner, die dort ruhig schlafen können.
An diesem Freitagabend ist es um halb elf wieder still in der Gasse. Die Stühle stehen, auf Filz gelagert, aufeinander gestapelt, und im ersten Stock geht das Licht aus.
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