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Gemeinsam statt anonym: Wie ein Wohnhof Alternativen zum Mietmarkt zeigt
Am Rand eines ehemaligen Industrieareals steht ein fünfgeschossiger Neubau mit hellen Holzbalkonen, auf denen Tomaten und Kräuter wachsen. Im Hof spielen Kinder, am langen Gemeinschaftstisch sitzen zwei ältere Frauen beim Kaffee. Wer hier vorbeikommt, ahnt nicht, dass dieses Haus vor zehn Jahren nur auf dem Papier existierte – und dass seine Bewohner es zu großen Teilen selbst geplant haben.
Der „Wohnhof am Kanal“ gehört einer Genossenschaft mit gut hundertzwanzig Mitgliedern. Gegründet wurde sie von Familien, Singles und Rentnern, die genug davon hatten, auf dem freien Markt abgewiesen zu werden. „Wir haben im Hinterzimmer einer Gaststätte angefangen“, erinnert sich Sabine Hartwig, die heute im Vorstand sitzt. „Viele hielten uns für Träumer. Eine Bank nach der anderen hat uns erklärt, so ein Vorhaben sei nie finanzierbar.“
Den Durchbruch brachte schließlich die Stadt. Sie verkaufte das Grundstück nicht, sondern gab es in Erbpacht ab: Die Genossenschaft darf es für Jahrzehnte nutzen, der Boden bleibt aber in öffentlichem Besitz. Im Gegenzug verpflichtete sich die Gruppe, die Wohnungen nie weiterzuverkaufen und ein Drittel davon an Haushalte mit Wohnberechtigungsschein zu vergeben. Weil kein Kaufpreis für das Land anfiel, sanken die Baukosten spürbar, und auch die Banken zeigten sich nun gesprächsbereit.
Wer einziehen will, muss Mitglied werden und Anteile erwerben, die je nach Wohnungsgröße mehrere zehntausend Euro betragen können. Das Geld ist allerdings nicht verloren: Beim Auszug wird es vollständig zurückgezahlt. Dazu kommt eine monatliche Nutzungsgebühr, die rund ein Viertel unter dem ortsüblichen Mietspiegel liegt und nicht einseitig erhöht werden kann. „Niemand verdient an unseren Wohnungen“, sagt Hartwig. „Was hereinkommt, fließt in die Instandhaltung und in neue Projekte.“
Die einzelnen Wohnungen sind eher klein; im Durchschnitt stehen jeder Person nur etwa dreißig Quadratmeter zur Verfügung. Dafür gibt es vieles, was man sich allein nie leisten könnte: eine Werkstatt mit Maschinen, eine Waschküche, zwei Gästezimmer für Besuch, einen Dachgarten und ein gemeinsames Lastenrad. „Ich brauche kein Wohnzimmer für zwölf Personen, wenn unten im Haus ein Saal zur Verfügung steht“, meint Tarek Yilmaz. Der Altenpfleger lebt mit seinen beiden Kindern im zweiten Stock und nennt die Hausgemeinschaft für sich als Alleinerziehenden einen Glücksfall: Wenn die Schicht länger dauert, springt irgendjemand ein.
Auch Halina Kowalczyk, 76, hat die Gemeinschaft überzeugt. Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie jahrelang allein in einer Neunzig-Quadratmeter-Wohnung am Stadtrand. Niemand hatte ihr gekündigt; sie entschied sich von selbst für den Umzug. „Ich bin nicht hergezogen, weil ich näher bei meinen Kindern sein wollte“, sagt sie lachend. „Die wohnen immer noch in Süddeutschland. Aber hier klingelt jemand an meiner Tür, wenn ich nicht zum Frühstück komme.“ Ihre alte Wohnung, erzählt sie, sei ihr am Ende vor allem still vorgekommen.
Auch ökologisch hat sich das Haus einiges vorgenommen. Auf dem Dach erzeugen Solarmodule Strom, den die Bewohner untereinander verteilen, und geheizt wird mit einer Wärmepumpe. Ein eigenes Auto besitzen nur wenige; stattdessen teilen sich die Mitglieder drei Fahrzeuge, die über eine App gebucht werden. Einmal im Monat gibt es ein Hoffest, zu dem auch Nachbarn aus dem Viertel kommen. Der Gemeinschaftssaal wird außerdem von einer Nachbarschaftsinitiative genutzt, die dort Sprachkurse und Reparaturtreffen anbietet. Das Haus ist also nicht nur für die eigenen Mitglieder da, sondern versteht sich als Teil des Quartiers.
Ganz ohne Reibung geht es allerdings nicht. „Die größte Herausforderung ist die Geduld“, räumt Hartwig ein. Entscheidungen fallen nach dem Konsentprinzip; das heißt, ein Vorschlag gilt als angenommen, wenn niemand einen begründeten Einwand erhebt. Das sorgt für Akzeptanz, kostet aber Zeit. Über die Nutzung des Dachgartens wurde einmal fast ein halbes Jahr gestritten, über die Höhe der Gebühr dagegen nie. Die Gemeinschaftsräume selbst verursachen kaum Kosten, weil die Bewohner Dienste wie Putzen oder Gartenpflege reihum übernehmen.
Auf der Warteliste stehen inzwischen mehr als vierhundert Haushalte. Kritiker bemängeln, dass die hohen Einstiegsanteile Menschen mit wenig Ersparnissen ausschließen. Die Genossenschaft hat darauf mit einem Solidarfonds reagiert, in den wohlhabendere Mitglieder freiwillig einzahlen und aus dem Anteile für einkommensschwache Haushalte vorgestreckt werden. Die Stadtforscherin Marlene Köster hält das für einen klugen Schritt, warnt aber vor überzogenen Erwartungen. „Genossenschaften sind ein wichtiger Baustein, doch sie decken nur einen kleinen Teil des Bedarfs. Wer glaubt, sie könnten den Wohnungsmangel allein beheben, überschätzt sie.“
Besucher aus anderen Städten kommen inzwischen regelmäßig, um sich das Haus anzusehen. Manche wollen ein ähnliches Projekt starten, andere interessiert vor allem, wie man eine Bank überzeugt. Hartwig gibt gern Auskunft, mahnt aber zur Ehrlichkeit: Ohne einen langen Atem und ohne Hilfe der Stadt wäre das Projekt nie zustande gekommen.
Die Genossenschaft plant dennoch ein zweites Haus im Nachbarviertel. Der Bauantrag ist gestellt; Sabine Hartwig rechnet diesmal mit weniger Misstrauen – und mit noch mehr Geduld.
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