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Ein Jahr für andere: Zwischen Schulabschluss und Studium
Lea Hartmann hat ihr Abitur in der Tasche, aber keine Ahnung, was danach kommen soll. Statt ein Studium zu beginnen, bewirbt sie sich um ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Pflegeheim. „Ich wollte erst mal etwas Handfestes machen“, sagt die Neunzehnjährige. „Nicht noch ein Jahr Theorie.“
Der Dienst dauert in der Regel zwölf Monate. Die Freiwilligen arbeiten in Vollzeit, erhalten dafür ein Taschengeld, sind sozialversichert und besuchen zusätzlich mehrere Seminarwochen. Bei Lea bedeutet das: Frühschicht um sechs Uhr, Bewohner beim Waschen und beim Frühstück unterstützen, am Nachmittag Spaziergänge oder Vorlesen. Die ersten Wochen waren hart. „Ich habe geweint, als zum ersten Mal ein Bewohner gestorben ist, den ich gut kannte“, erzählt sie. Ihre Anleiterin, eine erfahrene Pflegerin, nahm sie damals in den Arm und blieb noch eine Stunde länger, obwohl ihre Schicht längst zu Ende war.
Inzwischen hat Lea ihre Rolle gefunden. Sie ist keine Pflegekraft und soll auch keine sein: Sie darf weder Medikamente geben noch Verbände wechseln. Dafür hat sie Zeit, die den Fachkräften oft fehlt. Wenn Frau Albers, die an Demenz erkrankt ist, unruhig wird, setzt sich Lea zu ihr und hört einfach zu. „Dafür gibt es keine Abrechnungsziffer, aber es ist das Wertvollste, was ich in diesem Jahr tue“, sagt sie.
Die Seminarwochen sind ein fester Bestandteil des Dienstes. Gemeinsam mit rund zwanzig anderen Freiwilligen aus der Region diskutiert Lea dort über Themen wie Sterbebegleitung, Rassismus im Alltag und nachhaltiges Leben. Für sie sind das die Tage, an denen sie merkt, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein ist. „Nach einer Seminarwoche ist man wieder aufgeladen“, sagt sie.
Kritiker sehen genau darin ein Problem. Wenn Freiwillige in Einrichtungen mit Personalmangel aushelfen, bestehe die Gefahr, dass sie reguläre Stellen verdrängen. Gewerkschaften weisen darauf hin, dass Freiwillige keine billigen Arbeitskräfte sein dürften. Die Träger der Dienste widersprechen: Freiwillige dürften nur zusätzliche Aufgaben übernehmen, und Kontrollen sollten das sicherstellen. In der Praxis, räumt eine Heimleiterin ein, sei die Grenze nicht immer leicht zu ziehen, vor allem dann, wenn eine Grippewelle das Team ausdünnt und jede Hand gebraucht wird.
Ein weiterer Streitpunkt ist das Geld. Das Taschengeld beträgt nach Angaben der Träger einige hundert Euro im Monat. Wer noch bei den Eltern wohnt, kommt damit zurecht, wer eine eigene Wohnung bezahlen muss, kaum. Damit seien Jugendliche aus finanziell schwächeren Familien faktisch ausgeschlossen, kritisieren Sozialverbände. Eine Gruppe von Abgeordneten will deshalb einen Zuschuss zu den Wohnkosten einführen. Ob der Haushalt das hergibt, ist bislang unklar. Die Träger betonen, dass sie Härtefälle im Einzelfall unterstützen, etwa durch ein Zimmer im Wohnheim der Einrichtung.
Und doch ist die Nachfrage groß. Bei vielen Trägern übersteigt die Zahl der Bewerbungen die der freien Plätze. Das hat mit dem Ruf des Dienstes als Orientierungsjahr zu tun. Fast die Hälfte der Freiwilligen, so eine Befragung, ändert im Lauf des Jahres ihre Berufspläne, manche in Richtung Pflege oder Soziale Arbeit, andere weg davon. Neben Pflegeheimen werden Plätze in Kitas, Museen, Sportvereinen und im Naturschutz angeboten, und auch ein Jahr im Ausland ist möglich. Auch für Hochschulen und Arbeitgeber zählt das Jahr: Bei manchen Studiengängen verbessert es die Chance auf einen Platz, und Personalverantwortliche schätzen Bewerber, die gezeigt haben, dass sie Verantwortung tragen können.
Dazu kommen Erfahrungen, die sich schwer messen lassen. Lea hat gelernt, mit Menschen umzugehen, die ihre Gefühle nicht mehr in Worte fassen können. Sie hat erlebt, wie viel ein ruhiger Tonfall bewirkt, und sie kann heute besser mit Kritik umgehen. „Früher hätte ich bei der kleinsten Beschwerde das Gefühl gehabt, versagt zu haben“, sagt sie. „Jetzt weiß ich, dass es oft gar nicht um mich geht.“
Lea weiß inzwischen, wohin sie will. Sie hat sich für ein Studium der Sozialen Arbeit beworben, Beginn im Herbst. Ihre Bewohner werden sie vermissen, sagt die Leiterin des Heims. Lea selbst sagt, sie werde zurückkommen, als Besucherin, aber vielleicht auch einmal im Monat als ehrenamtliche Vorleserin. „Ein Jahr gibt man her“, sagt sie. „Und bekommt unglaublich viel zurück.“
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