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Donnerstags gibt es Linsen: Wie eine Schulkantine ihre Schüler zum Umdenken brachte
Kurz nach zwölf Uhr ist die Kantine der Gesamtschule Eichenhain voll, an der Theke bildet sich eine lange Schlange. Auf den Tabletts der Schüler steht heute ein Linsengericht mit Tomatensauce und Vollkornnudeln, daneben ein Salat. Die Zehntklässlerin Mia löffelt zufrieden. „Eigentlich bin ich ein Fleischfan“, sagt sie, „aber das hier schmeckt echt gut.“ Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass die Schüler an diesem Tag lieber zum Bäcker gegangen wären.
Vor zwei Jahren beschloss die Schulkonferenz, den Donnerstag fleischfrei zu gestalten. Den Anstoß gab eine Schülergruppe, die in einer eigenen Umfrage herausgefunden hatte, dass viele Mitschüler ihre Essgewohnheiten ohnehin überdenken wollten. „Wir haben nicht gesagt, dass alle Vegetarier werden sollen“, erinnert sich der Schülersprecher Ben. „Wir wollten nur, dass es einen Tag gibt, an dem das Essen ohne Fleisch selbstverständlich ist.“ Die Schulleitung stimmte zu, rechnete aber mit Widerstand.
Der kam prompt. In den ersten Wochen sank die Zahl der Mittagessen donnerstags um rund ein Fünftel. Viele Schüler brachten Wurstbrötchen von zu Hause mit oder gingen in den nahe gelegenen Supermarkt. Auf dem Schulhof kursierte das Wort vom „Verbotstag“, obwohl niemand etwas verboten hatte. Die Kantine drohte, an diesem Tag ein Verlustgeschäft zu werden.
Retten konnte die Aktion schließlich Renate Lübke, die seit fünfzehn Jahren in der Schulküche arbeitet. „Mir war klar, dass wir kein Fleischgericht nachbauen dürfen, aus dem man das Fleisch einfach weglässt“, erzählt die Köchin. „Das schmeckt nach Mangel.“ Stattdessen entwickelte sie eigene Rezepte, bei denen Gewürze und Röstaromen im Vordergrund stehen: ein Kichererbsencurry, Gemüsefrikadellen, Ofenkartoffeln mit Kräuterquark. Auf dem Speiseplan steht dabei nicht „vegetarisch“, sondern einfach der Name des Gerichts. „Sobald ein Etikett draufklebt, essen es viele nicht“, hat sie beobachtet.
Unterstützt wird sie vom Biologieunterricht. Lehrerin Sabine Krüger lässt die Siebtklässler im Herbst selbst Bohnen und Linsen anbauen und anschließend in der Schulküche verarbeiten. Dabei lernen die Kinder nebenbei, wie viel Wasser und Fläche für ein Kilo Fleisch gebraucht werden. „Wer selbst gesät und geerntet hat, geht anders mit Essen um“, sagt Krüger.
Auch finanziell überraschte der neue Tag. Die Zutaten kosten pro Portion etwa vierzig Cent weniger als bei Fleischgerichten. Zugleich müssen die Mitarbeiter mehr Gemüse waschen, schneiden und würzen, was Zeit kostet. Die Schulleitung entschied, die Ersparnis nicht einzustecken, sondern an den übrigen Wochentagen in besseres Fleisch aus der Region zu investieren. „Weniger, dafür besser“, fasst Küchenleiter Jörg Marten die Rechnung zusammen.
Skeptisch blieben zunächst vor allem die Eltern. Die Elternsprecherin Fatma Öztürk gibt zu, sich anfangs gesorgt zu haben, ihre Kinder könnten zu wenig Eiweiß bekommen. Die Schulärztin beruhigte sie: Bei einer abwechslungsreichen Kost mit Hülsenfrüchten, Eiern und Milchprodukten entstehe an einem einzelnen Tag keine Lücke. Heute sagt Öztürk, sie habe zu Hause schon Rezepte aus der Schulküche nachgekocht.
Zweifel gibt es bis heute vereinzelt. Der Elftklässler Jonas hält den Donnerstag für überflüssig, weil jeder ohnehin selbst entscheiden könne, was er isst. Er geht an diesem Tag weiterhin zum Bäcker gegenüber. Ben nimmt ihm das nicht übel. „Ob jemand mitmacht, ist freiwillig“, sagt er. „Wichtig ist, dass überhaupt darüber geredet wird.“ Tatsächlich hat der Aktionstag an der Schule eine Diskussion über Herkunft von Lebensmitteln, Tierhaltung und Klima ausgelöst, die vorher kaum jemand geführt hatte.
Mittlerweile nehmen donnerstags sogar mehr Schüler am Mittagessen teil als vor Einführung des Aktionstags. Bei einer neuen Befragung bewerteten rund sechzig Prozent den Tag positiv. Verbessert hat sich noch etwas anderes: Seit die Schüler ihr Essen am Vortag per App aussuchen können, landet deutlich weniger im Müll. Küchenleiter Marten schätzt, dass der Abfall um ein Viertel zurückgegangen ist.
Nicht alles läuft rund. Gelegentlich fehlen Zutaten, weil der Lieferant Hülsenfrüchte in Großpackungen liefert und die Lagerhaltung sorgfältig geplant werden muss. Als einmal die Kichererbsen ausgingen, musste kurzfristig auf Reis mit Gemüse umgestellt werden. Die Schüler nahmen es gelassen. Auch andere Schulen im Landkreis haben sich gemeldet. Küchenleiter Marten hat bereits drei Kolleginnen und Kollegen eingeladen, damit sie sich Rezepte und Abläufe ansehen können. „Wir wollen nichts verkaufen“, sagt er. „Aber wenn wir anderen Arbeit ersparen können, tun wir das gern.“
Einen zweiten fleischfreien Tag wird es vorerst nicht geben, auch wenn manche Schüler ihn gern hätten. „Wir wollen keinen Druck machen“, sagt Ben. Stattdessen soll es künftig an jedem Tag mindestens eine fleischlose Alternative geben, über die die Schüler frei entscheiden. Mia hat inzwischen eine eigene Forderung: Sie wünscht sich, dass das Kichererbsencurry auch montags auf der Karte steht.
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