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Das grüne Haus am Meer
Die Insel liegt gut zwei Stunden mit der Fähre vom Festland entfernt, Autos sind dort verboten, und im Sommer kommen auf jeden Einwohner etwa zehn Gäste. Als vor sieben Jahren mitten im Sommer die Hausbrunnen der Insel Hiddenwerth versiegten, stand Katrin Dahlmann vor einem Problem, das sie nie für möglich gehalten hätte. In ihrem Hotel „Seeblick“ mit zweiundsechzig Zimmern waren die Betten belegt, aber das Wasser reichte nicht einmal für die Duschen. Die Gemeinde ließ Tankwagen vom Festland kommen, und die Inhaberin musste einigen Gästen erklären, dass das Frühstück ohne Kaffeemaschinen stattfinden würde. „Ich habe an diesem Tag verstanden“, sagt sie, „dass unser Geschäftsmodell von einer Ressource abhängt, die ich nie bezahlt habe.“
Seitdem hat die Hotelière ihr Haus Stück für Stück umgebaut. Auf dem Dach sammeln große Tanks das Regenwasser, das für Toilettenspülung und Gartenbewässerung genutzt wird. Eine Photovoltaikanlage deckt im Sommer fast den gesamten Strombedarf, während im Winter ein Holzofen mit Reststoffen aus der Forstwirtschaft der Insel das Heizen übernimmt. Die Investition von mehr als einer Million Euro, schätzt sie, werde sich erst nach etwa neun Jahren amortisiert haben. „Wer nachhaltig wirtschaften will, braucht Geduld und eine Bank, die mitspielt.“
Am sichtbarsten ist die Veränderung in der Küche. Etwa zwei Drittel aller Zutaten stammen inzwischen von Höfen, die höchstens vierzig Kilometer entfernt liegen, der Fisch kommt von zwei Fischern aus dem Nachbarort. Das große Frühstücksbuffet gibt es nicht mehr. Stattdessen bestellen die Gäste am Vorabend, was sie essen möchten, und bekommen es frisch zubereitet. Die Menge der Lebensmittelabfälle hat sich dadurch nach Angaben des Küchenchefs mehr als halbiert. „Am Anfang hat das Buffet vielen gefehlt“, räumt Dahlmann ein, „heute fragt kaum noch jemand danach.“
Auch bei den Kleinigkeiten achtet das Haus auf Details. Seife und Shampoo gibt es nicht mehr in kleinen Plastikfläschchen, sondern aus Spendern an der Wand. Früher, erzählt die Hausdame, seien monatlich mehrere hundert Fläschchen angefallen. Manche Gäste hätten zunächst gefragt, ob das Hotel sparen wolle, bis sie die Erklärung auf dem Zimmerschild lasen.
Weniger sichtbar, aber ebenso wichtig ist die Frage nach den Beschäftigten. Auf der Insel sind Wohnungen für Saisonkräfte kaum zu bezahlen, weil sie fast alle als Ferienunterkünfte vermietet werden. Dahlmann hat deshalb ein altes Nebengebäude zu einem Personalhaus umgebaut, in dem fünfzehn Mitarbeitende zu einer Miete wohnen, die ein Drittel unter dem Marktpreis liegt. „Ein Hotel, das seine Leute nicht halten kann, ist nicht nachhaltig, egal wie viele Solarpaneele auf dem Dach liegen“, sagt sie. Seit der Eröffnung des Personalhauses hat sich die Zahl der Kündigungen deutlich verringert.
Gegenüber den Gästen bleibt die Inhaberin zurückhaltend. Eine Umfrage im Haus ergab, dass die meisten das Konzept gut finden, aber nur wenige bereit wären, dafür deutlich mehr zu bezahlen. Die Zimmerpreise liegen etwa zwölf Prozent über denen vergleichbarer Häuser, die Auslastung blieb dennoch stabil. Ob ein Umweltsiegel das Image weiter verbessern würde, sieht Dahlmann nüchtern. Die Prüfung koste mehrere tausend Euro und viel Papierarbeit, ohne dass ihr Haus dadurch einen einzigen Liter Wasser einspare. Sie veröffentlicht stattdessen jedes Jahr ihre Verbrauchszahlen auf der Internetseite des Hotels.
Ein Problem kann sie allerdings nicht lösen. Der größte Teil der Treibhausgase, die ihr Hotel indirekt verursacht, entsteht auf dem Weg zur Insel: Viele Gäste reisen mit dem Flugzeug an und steigen dann in die Fähre. Dahlmann denkt deshalb über Pauschalen nach, bei denen Reisende, die länger als eine Woche bleiben, einen Rabatt auf den Zimmerpreis bekommen. „Wer weit anreist, soll wenigstens lange bleiben“, sagt sie. Ein Gast, der seinen Urlaub zum dritten Mal im Hotel verbringt, nickt und sagt, er habe seine Reisepläne bereits angepasst: Statt zweimal im Jahr zu verreisen, komme er nur noch einmal, dafür aber drei Wochen.
Die Mitarbeitenden tragen den Wandel offenbar mit. Der Küchenchef, der seit zwölf Jahren im Haus arbeitet, hatte nach eigener Aussage anfangs wenig Vertrauen in das Konzept. Heute schätzt er den direkten Kontakt zu den Lieferanten. „Früher habe ich bestellt, was im Katalog stand“, sagt er. „Heute rufe ich den Bauern an und frage, wie die Kartoffeln in diesem Jahr geworden sind.“
Katrin Dahlmann weiß, dass ihr Hotel nicht überall Schule machen wird. Aber auf der Insel hat sich etwas bewegt: Zwei Nachbarbetriebe haben ebenfalls Regenwassertanks installiert, und der Gemeinderat berät über ein gemeinsames Wärmenetz. „Wir haben den Brunnen verloren, aber viel dabei gewonnen“, sagt sie und blickt über das Meer.
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