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Schreiben lernen mit Maschinenhilfe
Die Deutschlehrerin Sabine Krüger stutzte im vergangenen Frühjahr, als sie die Aufsätze ihrer zehnten Klasse korrigierte. Fast alle Texte waren grammatisch einwandfrei, übersichtlich gegliedert und im Ton merkwürdig ähnlich. Von den üblichen Tippfehlern, den schiefen Sätzen und den überraschenden Einfällen, die sie sonst fand, war kaum etwas übrig. Auf Nachfrage gaben mehrere Schüler zu, dass sie einen Chatbot genutzt hatten. Abgeschrieben aus dem Internet hatte niemand, denn Plagiate, die sie früher mit einer Suchmaschine entlarven konnte, waren es nicht.
Vielerorts haben Schulen auf solche Erfahrungen mit Verboten reagiert. Doch ein Verbot lässt sich kaum kontrollieren, vor allem nicht bei Hausaufgaben. Programme, die angeblich erkennen, ob ein Text von einer Maschine stammt, sind inzwischen kostenlos verfügbar und prüfen auch lange Texte in Sekunden. Ihr Problem ist die Genauigkeit: Sie stufen immer wieder Texte von Menschen als maschinell ein, besonders wenn diese sehr korrekt schreiben. Krüger hält es für unverantwortlich, auf so einer Grundlage Noten zu vergeben. Ihre Schule hat sich deshalb für einen anderen Weg entschieden: Die Nutzung ist erlaubt, muss aber angegeben werden.
Gleichzeitig hat das Kollegium die Aufgaben verändert. Ein Teil der Aufsätze wird nun im Unterricht von Hand geschrieben. Bei Hausaufgaben müssen die Schüler ihre Entwürfe samt Zwischenschritten abgeben, damit man sieht, wie ein Text entstanden ist. Hausaufgaben gibt es weiterhin, doch sie zählen weniger für die Note als früher. Dafür haben mündliche Nachfragen an Bedeutung gewonnen: Wer einen Text eingereicht hat, kann gebeten werden, eine Passage zu erklären oder ihre Argumente zu verteidigen. „Wer seinen Text verstanden hat, merkt man sofort“, sagt Krüger.
Zugleich sieht sie in den neuen Werkzeugen echte Chancen. Ein Schüler ihrer Klasse hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche und hat sich jahrelang davor gescheut, längere Texte zu schreiben. Mithilfe des Programms formuliert er seine Gedanken zunächst frei, lässt sich Fehler anzeigen und erklären und überarbeitet den Text anschließend selbst. „Er schreibt heute mehr als je zuvor, und er traut sich, seine Texte vorzulesen“, berichtet die Lehrerin. Auch Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen, profitieren: Sie lassen sich schwierige Wörter in einfacherer Sprache erklären und üben Formulierungen, ohne sich vor der Klasse zu blamieren.
Die Schattenseiten bleiben trotzdem sichtbar. Beim Recherchieren stellte sich heraus, dass der Chatbot manchmal Literaturangaben erfindet, die täuschend echt aussehen. Ein Schüler hatte in seinem Referat ein Buch zitiert, das es überhaupt nicht gibt. Dahinter steckt keine Absicht und auch kein Kopieren fremder Texte. Das Programm kennt keine Datenbank echter Bücher, sondern setzt Wörter so zusammen, wie sie wahrscheinlich aufeinander folgen. Was plausibel klingt, muss deshalb nicht stimmen. Krüger lässt ihre Klassen inzwischen gezielt nach solchen Fehlern suchen und bewertet, wie sorgfältig Angaben überprüft wurden.
Hinzu kommt die Frage des Datenschutzes. Viele Dienste verlangen eine Anmeldung, und einige speichern die Eingaben, um die Programme weiterzuentwickeln. Die Schule empfiehlt deshalb, keine persönlichen Angaben in die Eingabefelder zu schreiben, weder Namen noch Adressen noch Details aus dem Familienleben. Diese Regel gilt unabhängig davon, ob ein Dienst im Unterricht oder zu Hause genutzt wird. Eine Anmeldung allein ist kein Ausschlusskriterium, solange die Eltern informiert sind und die Altersgrenzen der Anbieter eingehalten werden.
Auch die Eltern reagieren unterschiedlich. Bei einem Informationsabend zeigten sich manche erleichtert, dass die Schule das Thema offen anspricht, andere sorgten sich, dass ihre Kinder zu früh auf Hilfsmittel vertrauen. Ein Vater erzählte, sein Sohn verwende den Chatbot inzwischen auch, um Vokabeln abzufragen. Eine Mutter dagegen wollte wissen, ob bei der Benotung nicht diejenigen im Nachteil seien, die sich keine bezahlten Zusatzfunktionen leisten könnten. Krüger räumte ein, dass es darauf bislang keine befriedigende Antwort gibt, und kündigte an, die Schule werde geeignete Programme für alle bereitstellen.
Wie groß der Einfluss auf das Lernen am Ende sein wird, ist unter Fachleuten umstritten. Nach einer Befragung unter Lehrkräften befürchtet ein großer Teil, dass Schüler das mühsame Formulieren verlernen. Andere halten dagegen, dass sich Berufe längst verändern und dass der kritische Umgang mit solchen Werkzeugen selbst zur Bildung gehört. Krüger sieht beides. „Es geht nicht darum, die Technik zu meiden“, sagt sie. „Es geht darum, dass meine Schüler Ergebnisse nicht einfach übernehmen, sondern prüfen, ob sie stimmen und ob sie das eigentlich sagen wollten.“
Im Klassenzimmer hängt inzwischen ein Plakat mit drei Fragen, die vor jeder Abgabe beantwortet werden sollen: Was habe ich selbst geschrieben? Was hat die Maschine vorgeschlagen? Und woher weiß ich, dass es stimmt? Für Krüger ist das keine Bürokratie, sondern ein Anfang. „Früher haben wir das Abschreiben bekämpft“, sagt sie. „Heute müssen wir das Nachdenken verteidigen.“ Dass ihre Schüler die Antworten ehrlich geben, hält sie nicht für selbstverständlich, aber für lernbar. Wer die Fragen ernst nimmt, so ihre Beobachtung, schreibt am Ende nicht nur sorgfältiger, sondern merkt auch schneller, wo ihm der eigene Gedanke fehlt und wo er sich nur auf die glatte Formulierung der Maschine verlassen hat.
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