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Mehr als Bücher im Regal
Es ist kurz vor acht, als Carla Winter die Rollläden ihrer Buchhandlung hochzieht. Der Laden liegt an einer Ecke der Marktstraße, zwischen einem Bäcker und einem Handyshop, und ist kaum größer als ein Wohnzimmer: Auf neunzig Quadratmetern stehen einige Tausend Titel. Vor elf Jahren übernahm die 47-Jährige das Geschäft von ihrem Vater, der es vor fast vierzig Jahren gegründet hatte. Bevor sie die Kasse einschaltet, öffnet sie den Computer. Über Nacht sind vierzehn Bestellungen aus dem eigenen Onlineshop eingegangen.
Dass Winter überhaupt einen Onlineshop betreibt, war nicht ihre Idee, sondern eine Notlösung. Bei Büchern spielt der Preis zwar kaum eine Rolle, denn in Deutschland kostet ein Roman überall gleich viel, egal ob im Laden oder im Netz. Trotzdem spürte sie die Konkurrenz der großen Versender: Viele Kunden bestellten aus reiner Bequemlichkeit, weil das Paket am nächsten Tag vor der Tür liegt. Vor einigen Jahren, als die Geschäfte zeitweise schließen mussten, sank ihr Umsatz um ein Fünftel. „Da habe ich gemerkt, dass ich nicht warten kann, bis die Leute von selbst wiederkommen“, sagt sie.
Gemeinsam mit einem Mitarbeiter baute sie einen eigenen Shop auf. Wer bis zum frühen Nachmittag bestellt, bekommt das Buch noch am selben Tag geliefert, innerhalb der Stadt per Lastenrad und ohne Aufpreis. Möglich wurde das, weil sich mehrere Buchhandlungen eine gemeinsame Plattform teilen; dadurch ist der Aufwand für die Technik erträglich. Inzwischen macht der Onlinehandel etwa ein Siebtel von Winters Umsatz aus, Tendenz leicht steigend. „Der große Rest passiert trotzdem hier im Laden“, sagt sie, „und das soll auch so bleiben.“
Der Grund liegt in dem, was ein Algorithmus nicht kann. Auf einem Tisch am Eingang liegen handverlesene Empfehlungen mit handgeschriebenen Kärtchen. Ein älterer Stammkunde, Herr Albers, kommt jeden Samstag und lässt sich einen Krimi aussuchen, den er garantiert noch nicht kennt. Ein Teenager steht seit zehn Minuten vor dem Fantasyregal und überlegt, ob er den zweiten Band wagt, ohne den ersten gelesen zu haben. Winter geht hin, fragt zwei Dinge, und die Entscheidung ist gefallen. Besonders gut läuft das Überraschungsabo: Kunden füllen einen kurzen Fragebogen aus, Winter wählt persönlich drei Bücher aus und schickt sie jeden Monat los. Rund zweihundert Menschen sind inzwischen dabei.
Nicht alles ist erfreulich. Manche Kunden lassen sich eine halbe Stunde beraten, fotografieren den Umschlag und bestellen anschließend woanders. Früher habe sie das wütend gemacht, erzählt Winter. Heute sieht sie es gelassener, auch weil sie gelernt hat, wie man Menschen an sich bindet. Ihr „Freundeskreis“ kostet dreißig Euro im Jahr; die Mitglieder werden zu Lesungen eingeladen, bekommen als Erste die Neuerscheinungen gezeigt und trinken nach der Veranstaltung ein Glas Wein zwischen den Regalen. Rund hundertachtzig Menschen gehören dazu. „Wer sich hier zugehörig fühlt, bestellt nicht mehr bei Fremden“, sagt Winter.
Auch die Schulen im Viertel gehören zu ihren Kunden. Die Lehrerinnen bestellen Klassensätze, und im Herbst kommen die Erstklässler mit ihrer Klasse vorbei, um die Kinderabteilung zu besichtigen. Winter lässt jedes Kind ein Buch in die Hand nehmen und erzählt, wie es entsteht. Manche der Kleinen sind später mit ihren Eltern wiedergekommen und haben stolz auf das Regal gezeigt, an dem sie „ihr“ Buch entdeckt hatten.
Zweimal im Monat verwandelt sich der Laden abends in einen Veranstaltungsraum. Die Regale werden zur Seite geschoben, vierzig Stühle aufgestellt, und eine Autorin oder ein Autor liest vor. Danach wird signiert, und es gehen oft mehr Bücher über den Tisch als an einem normalen Tag. Die Mühe ist allerdings groß, und Geld verdient Winter damit nur indirekt. Die Miete ist in den letzten fünf Jahren um fast ein Viertel gestiegen, und für die drei Teilzeitkräfte findet sie kaum Nachwuchs. „Ohne meine Stammkunden hätte ich längst aufgegeben“, räumt sie ein.
Ihre größte Sorge gilt weniger dem Netz als der Straße. Neben ihrem Laden hat vor Kurzem eine Boutique geschlossen, und der Bäcker überlegt, die Filiale aufzugeben. „Wenn hier niemand mehr vorbeigeht, nützt das schönste Schaufenster nichts“, sagt Winter. Deshalb engagiert sie sich im Verein der Geschäftsleute, der gemeinsam mit der Stadt ein Straßenfest plant und die Hausbesitzer überzeugen will, leere Läden günstig zu vermieten. Noch in diesem Jahr möchte sie eine kleine Kaffeeecke einrichten, damit die Leute länger bleiben. „Wir sind kein Museum“, sagt sie. „Aber ein bisschen Wohnzimmer dürfen wir schon sein.“
Um neun Uhr geht die Tür auf. Herr Albers steht davor, obwohl es erst Mittwoch ist. „Ich wollte nur mal schauen“, sagt er, und Winter lächelt, denn so fängt es meistens an.
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