Zwei Sprachen, ein Kopf: Warum Mehrsprachigkeit Kindern nicht schadet
Wer in Deutschland mit Eltern spricht, die zu Hause nicht Deutsch, sondern Türkisch, Polnisch oder Arabisch sprechen, hört noch immer dieselbe Sorge: Die Kinder könnten 1 und am Ende keine der beiden Sprachen richtig lernen. Manche Familien verzichten deshalb schon im Kleinkindalter auf ihre Muttersprache, in der Hoffnung, dem Nachwuchs den Schulstart zu erleichtern. Fachleute halten diese Entscheidung für einen Fehler, den man mit dem heutigen Wissensstand vermeiden könnte.
Dabei ist Mehrsprachigkeit längst kein Randphänomen mehr. Schätzungen zufolge wächst in manchen deutschen Großstädten inzwischen mehr als jedes zweite Kind in einer Familie auf, in der mindestens ein Elternteil eine andere Sprache als Deutsch spricht. Im Klassenzimmer ist sie damit Normalität, und der Umgang mit ihr entscheidet darüber, ob Kinder ihre Fähigkeiten nutzen können oder verstecken müssen.
Die Forschung der vergangenen Jahrzehnte zeichnet nämlich ein ganz anderes Bild. Kinder, 2, entwickeln keineswegs ein sprachliches Chaos. Ihr Gehirn trennt die beiden Systeme schon in den ersten Lebensmonaten, und sie lernen erstaunlich früh, welche Sprache sie mit welchem Gegenüber verwenden müssen. Zwar mischen sie anfangs manchmal Wörter beider Sprachen, 3, doch sie tun es nach festen grammatischen Regeln und fast nur mit Menschen, die beide Sprachen verstehen.
Entscheidend für den Erfolg ist weniger die Zahl der Sprachen als die Qualität des Sprachangebots. Eltern sollten deshalb 4, weil Kinder vor allem durch lebendige Gespräche, gemeinsames Vorlesen und Singen lernen. Wer mühsam eine Sprache benutzt, die er selbst nur unsicher beherrscht, gibt seinem Kind weniger mit als jemand, der in der Muttersprache erzählt, erklärt und Fragen stellt. Korrekte Grammatik allein macht noch kein gutes Vorbild.
Viele Familien orientieren sich am Prinzip „eine Person, eine Sprache“. Dieses Modell hilft vielen Haushalten, 5, ist aber keine zwingende Voraussetzung für den Erfolg. Auch Familien, die je nach Situation, Ort oder Tageszeit wechseln, ziehen ihre Kinder erfolgreich zweisprachig groß. Wichtig ist vor allem, dass beide Sprachen regelmäßig und mit Freude gebraucht werden und dass niemand das Gefühl bekommt, eine von ihnen sei weniger wert.
Bemerkenswert sind auch Befunde zum späteren Leben. Menschen, die über Jahrzehnte zwei Sprachen verwenden, behalten ihre geistige Beweglichkeit im Alter oft länger als andere. Einige Untersuchungen sprechen sogar von einem Aufschub erster Gedächtnisprobleme um mehrere Jahre, wobei Forschende betonen, dass sich der Effekt nicht in jeder Studie zeigt. Einig ist man sich lediglich darin, dass das tägliche Umschalten zwischen Sprachen das Gehirn trainiert, ähnlich wie regelmäßiger Sport den Körper.
Außerhalb der Familie kommt den Bildungseinrichtungen eine große Bedeutung zu. Wo Erzieherinnen 6, fühlen sich Kinder in der Regel selbstbewusster und zeigen mehr Mut, auch Deutsch zu sprechen. Ein Bilderbuch in der Herkunftssprache, ein Begrüßungslied oder ein Elternabend mit Dolmetscher sind kleine Schritte, die eine große Wirkung haben. Umgekehrt erleben Kinder, deren Sprache im Alltag keine Rolle spielt, oft, dass ein Teil ihrer Identität unerwünscht ist.
Hinzu kommt ein Problem, das gern unterschätzt wird: Sprachen brauchen Kontakt. Geht der Kontakt zur Herkunftssprache verloren, 7 oft schon im Grundschulalter. Sobald Freunde, Fernsehen und Schule fast ausschließlich auf Deutsch stattfinden, reden viele Kinder mit den Großeltern nur noch in kurzen Sätzen und verstehen bald auch weniger. Als Gegenmittel haben sich Ferienaufenthalte, Videotelefonate mit Verwandten und Samstagskurse bewährt.
Nicht zuletzt zahlt sich Mehrsprachigkeit im Berufsleben aus. Unternehmen suchen zunehmend Beschäftigte, die neben Englisch auch Sprachen wie Türkisch, Arabisch oder Russisch beherrschen, etwa im Kundenservice, in der Pflege oder im Außenhandel. Ein Hindernis ist dabei, dass viele Jugendliche ihre Familiensprache nur mündlich kennen. Wer sie nie schriftlich gelernt hat, kann sie im Beruf selten einsetzen. Auch deshalb plädieren Fachleute dafür, Lesen und Schreiben in der Herkunftssprache früh zu fördern.
Auch für die Schule hat die Forschung eine klare Botschaft. Mehrsprachigkeit sollte im Schulalltag 8, statt als Hindernis zu gelten. Einzelne Schulen machen es vor: Sie lassen Kinder in Projektwochen ihre Sprachen vorstellen, kennzeichnen Räume mehrsprachig und binden Eltern als Vorleser ein. Untersuchungen deuten darauf hin, dass mehrsprachige Kinder oft flexibler denken, leichter zwischen Aufgaben wechseln und später weitere Fremdsprachen schneller erlernen. Voraussetzung ist allerdings, dass sie nicht gezwungen werden, ihre Herkunft an der Schultür abzugeben.
Am Ende bleibt eine einfache Erkenntnis: Zwei Sprachen verwirren kein Kind. Verwirrend wird es erst, wenn Erwachsene unsicher sind, dem Kind mit Misstrauen begegnen oder einer Sprache den Wert absprechen. Wer Kindern Mut macht, in beiden Welten zu Hause zu sein, schenkt ihnen mehr als nur ein zusätzliches Vokabelheft.