Zu teuer zum Wohnen? Wie die Großstadt ihre Bewohner an den Rand drängt
Wer heute in einer deutschen Großstadt eine Wohnung sucht, braucht vor allem starke Nerven. Bei Besichtigungen stehen oft 1, und die Vermieter können sich ihre künftigen Mieter praktisch aussuchen. Wer nicht sofort Gehaltsnachweise, eine Bonitätsauskunft und Empfehlungsschreiben vorlegen kann, hat kaum eine Chance. Viele Suchende schicken deshalb Dutzende Anfragen ab, ohne je eine Antwort zu bekommen.
Die Zahlen erklären diese Verzweiflung. Nach Einschätzung von Marktbeobachtern sind die Angebotsmieten in den größten Städten in den vergangenen zehn Jahren um rund die Hälfte gestiegen, 2 kaum mit den Mieten Schritt gehalten haben. Für viele Haushalte bedeutet das: Mehr als ein Drittel des Nettoeinkommens geht inzwischen für die Warmmiete drauf. Bei Alleinerziehenden und Rentnern ist der Anteil oft deutlich höher, und wer nach einer Trennung oder einem Jobverlust umziehen muss, zahlt für eine neue Wohnung nicht selten das Doppelte der alten Miete.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Seit Jahren ziehen mehr Menschen in die Städte, 3 bei Weitem nicht ausreichen. Junge Leute lockt das Angebot an Ausbildungsplätzen und Hochschulen, Fachkräfte folgen den Arbeitsplätzen. Gleichzeitig ist der Platzbedarf pro Kopf gestiegen. Lebten vor dreißig Jahren im Durchschnitt noch etwa 35 Quadratmeter auf eine Person, sind es heute deutlich mehr, weil 4 leben. Nach der Scheidung, nach dem Auszug der Kinder oder dem Tod des Partners bleibt vieles in der großen Wohnung zurück, denn ein Umzug würde meist teurer.
Hinzu kommt, dass Bauen immer kostspieliger wird. Grundstücke sind knapp, die Baukosten sind in kurzer Zeit 5, und die Genehmigungsverfahren dauern nicht selten Jahre. Viele Bauträger errichten deshalb lieber Eigentumswohnungen, 6 bezahlen können. Preiswerter Wohnraum entsteht dagegen kaum, obwohl er am dringendsten gebraucht wird.
Die Politik hat auf die Entwicklung reagiert, allerdings mit gemischtem Erfolg. Mietbremsen sollen den Anstieg bei Neuvermietungen begrenzen, 7 nicht aus ihren Vierteln verdrängt werden. Kritiker bemängeln, dass viele Vermieter die Regeln umgehen, etwa durch möblierte Vermietung auf Zeit oder durch aufwendige Modernisierungen, nach denen die Miete kräftig steigen darf. Befürworter halten dagegen, 8 ohne die Regulierung noch schneller gestiegen wären.
Besonders deutlich zeigt sich die Wirkung der Preise in den beliebten Innenstadtvierteln. Wo früher Handwerker, Studierende und Rentner Tür an Tür lebten, ziehen heute Gutverdiener ein, und die alten Nachbarn müssen weichen, wenn ein Haus saniert oder verkauft wird. Soziologen sprechen von Verdrängung. Die Folgen reichen weit über das einzelne Schicksal hinaus: Die Bäckerin, der Kioskbesitzer und der Hausarzt verlieren ihre Stammkundschaft, Vereine ihre Mitglieder, Schulen ihre Schüler. Zurück bleibt ein Viertel, das schön aussieht, aber nur noch wenig Leben hat. Einige Städte versuchen gegenzusteuern, indem sie Gebiete unter Milieuschutz stellen, in denen Luxussanierungen und die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen genehmigt werden müssen. Andere gehen gegen Ferienwohnungen vor, die dem regulären Markt Wohnraum entziehen.
Auch ein weiteres Problem wird selten beachtet: Wer seit Jahrzehnten in einer günstigen Wohnung lebt, gibt sie nicht gern her, selbst wenn sie längst zu groß geworden ist. Wohnungstauschbörsen, die kommunale Unternehmen betreiben, sollen das ändern, weil der neue Mieter die alte, niedrige Miete übernehmen darf. Bisher wird das Angebot allerdings nur zögerlich genutzt, denn viele Betroffene misstrauen dem Verfahren oder scheuen den Aufwand eines Umzugs im hohen Alter.
Fachleute sind sich weitgehend einig, dass Verbote und Obergrenzen allein das Problem nicht lösen. Entscheidend sei, dass mehr gebaut werde, und zwar dort, wo schon Infrastruktur vorhanden ist. Immer häufiger wird deshalb über Nachverdichtung gesprochen: Auf Supermärkten und Parkhäusern könnten Wohngeschosse entstehen, Lücken zwischen Altbauten ließen sich schließen, und leer stehende Bürogebäude eignen sich oft für den Umbau zu Wohnungen. In manchen Städten gibt es bereits Pilotprojekte, die zeigen, dass auf diese Weise innerhalb weniger Jahre Hunderte neuer Wohnungen entstehen können, ohne dass ein einziger Quadratmeter Grünfläche versiegelt wird.
Allerdings kommt es dabei auf die Details an. Nicht jedes Dach trägt zusätzliche Stockwerke, nicht jeder Bürobau lässt sich ohne großen Aufwand in Wohnungen mit Tageslicht und Küchen verwandeln. Architekten betonen, dass die Pläne oft schon an der Raumtiefe scheitern. Doch auch das hat seinen Preis. Anwohner fürchten Lärm, Schatten und zugeparkte Straßen, und mancher Eigentümer scheut den Aufwand. Hinzu kommt, dass Umbauten im Bestand strengen Brandschutz- und Schallschutzauflagen unterliegen, die ein Projekt verteuern. Ob die Städte das Tempo erreichen, das nötig wäre, ist deshalb offen. Sicher ist nur, dass sich für viele Menschen in absehbarer Zeit wenig ändern wird: Wer eine bezahlbare Wohnung hat, sollte sie gut festhalten. Und wer sucht, sollte sich darauf einstellen, dass die Suche Monate dauern kann und dass Kompromisse bei Lage, Größe oder Ausstattung nötig sein werden.