Nie zu alt für die Schulbank
Als Gerda Lindner mit 58 Jahren ihre Stelle in der Buchhaltung eines Möbelhauses verlor, 1 zunächst vor allem Ratlosigkeit. Das Unternehmen hatte seine Verwaltung weitgehend automatisiert, und plötzlich war ihre jahrzehntelange Erfahrung weniger gefragt als der sichere Umgang mit neuer Software. Heute, drei Jahre später, arbeitet sie als Datenanalystin in einer Stadtverwaltung – 2, die sie sich früher nicht einmal hätte vorstellen können.
Fälle wie der von Frau Lindner sind längst keine Ausnahme mehr. Bildungsforscher bezeichnen das lebenslange Lernen als eine Notwendigkeit, 3 sich Berufsbilder und Arbeitsabläufe immer schneller verändern. Wer heute eine Ausbildung abschließt, kann nicht mehr davon ausgehen, dass sein Wissen bis zur Rente ausreicht. Manche Fachleute schätzen, dass gerade technische Kenntnisse schon nach wenigen Jahren veraltet sind.
Die Volkshochschule von Lindners Heimatstadt hat auf diese Entwicklung reagiert und ihr Angebot in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Besonders gefragt sind Kurse, 4 Berufstätige ihre digitalen Kenntnisse auffrischen können, außerdem Sprachkurse und Lehrgänge zur Buchführung. Die Leiterin der Einrichtung, Sabine Wolter, berichtet von einem deutlichen Wandel: Früher hätten in ihren Kursen überwiegend junge Leute gesessen, heute dagegen sei 5 älter als fünfzig. „Viele kommen mit großer Skepsis zur ersten Stunde“, sagt sie. „Nach wenigen Wochen sind sie oft die motiviertesten Teilnehmer im Raum.“ Wegen der hohen Nachfrage müssen manche Kurse inzwischen ausgelost werden, und die Warteliste für den Einsteigerkurs in Tabellenkalkulation umfasst mehrere Dutzend Namen.
Neben den klassischen Kursen nutzen immer mehr Menschen Online-Angebote. Auch Lindner sah sich zu Beginn vor allem Videolektionen an, merkte aber schnell, dass ihr der persönliche Kontakt fehlte. Laut einer Umfrage unter Weiterbildungsteilnehmern bricht etwa die Hälfte der Online-Lernenden ein Angebot vorzeitig ab, wenn niemand sie dabei begleitet. Wolter empfiehlt deshalb Mischformen, bei denen sich Selbststudium und regelmäßige Treffen vor Ort abwechseln.
Die Gründe, warum Erwachsene noch einmal lernen, sind vielfältig. Manche möchten ihren Arbeitsplatz sichern, andere hoffen darauf, 6 in einen ganz neuen Beruf zu wechseln. Wieder andere besuchen Kurse, 7 sie das Lernen an sich schätzen: Ein Rentner aus dem Nachbarort etwa belegt seit zwei Jahren Geschichtsvorlesungen, ohne je eine Prüfung ablegen zu wollen. Für ihn zählt der Austausch mit anderen genauso viel wie der Stoff.
Dass auch ältere Menschen erfolgreich lernen können, bestätigt die Hirnforschung. Das Gehirn bleibe bis ins hohe Alter formbar, erklärt ein Neurowissenschaftler, der sich mit Gedächtnisleistungen beschäftigt. Zwar falle es Älteren oft schwerer, sich Einzelheiten rasch einzuprägen, dafür könnten sie neues Wissen besser mit vorhandener Erfahrung verknüpfen. Entscheidend sei deshalb weniger das Lebensalter als 8, regelmäßig Neues auszuprobieren und Fehler als Teil des Prozesses zu akzeptieren.
Trotzdem gibt es Hürden. Viele Berufstätige klagen, dass ihnen neben Arbeit und Familie schlicht die Zeit fehle. Hinzu kommen die Kosten: Ein Zertifikatslehrgang kann mehrere hundert Euro kosten, und nicht jeder Arbeitgeber beteiligt sich daran. Wolter fordert deshalb, dass Weiterbildung stärker öffentlich gefördert und in Betrieben als Arbeitszeit anerkannt wird. Auch die Beratung müsse besser werden, denn viele wüssten gar nicht, welche Möglichkeiten es für sie gibt.
In einigen Bundesländern haben Beschäftigte deshalb einen gesetzlichen Anspruch auf Bildungsurlaub, meist fünf Tage pro Jahr. Genutzt wird er allerdings selten: Wolter schätzt, dass nur wenige Prozent der Berechtigten davon Gebrauch machen, weil sie ihn nicht kennen oder fürchten, beim Chef einen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Auch Lindner erfuhr erst durch Zufall davon, bei einem Beratungsgespräch der Arbeitsagentur. Dort wurde ihr außerdem erklärt, dass ein Teil der Kosten für ihren Lehrgang erstattet werden konnte, wenn sie sich vorher anmeldete.
Zu Hause war die Reaktion gemischt. Ihr Mann unterstützte sie von Beginn an, ihre erwachsene Tochter fragte dagegen skeptisch, ob sich der Aufwand in ihrem Alter noch lohne. Lindner ließ sich nicht beirren. Sie teilte sich ihre Abende ein: zwei Stunden Videolektionen, eine Stunde Übungsaufgaben und am Wochenende ein Treffen mit ihrer Lerngruppe, die aus vier Kursteilnehmern bestand. Diese Gruppe habe sie, sagt sie, durch die schwierigsten Wochen getragen.
Gerda Lindner hat ihren Weg gefunden. Nach einem halbjährigen Lehrgang in Datenanalyse, den sie abends neben einer Teilzeitstelle absolvierte, bewarb sie sich bei der Stadt. Inzwischen gibt sie ihr Wissen selbst weiter und leitet einmal im Monat einen Workshop für Berufsrückkehrer. „Ich habe gelernt, dass Aufgeben die teuerste Entscheidung ist“, sagt sie. Und sie fügt lächelnd hinzu, dass sie den nächsten Kurs schon im Blick habe: Spanisch.