Zwischen Hörsaal und Werkbank
Lange Zeit galt das Abitur als Fahrkarte in den Hörsaal. Wer früher die Hochschulreife in der Tasche hatte, 1. Heute sieht das anders aus: Nach Angaben mehrerer Handwerkskammern besitzt inzwischen etwa jeder vierte Auszubildende das Abitur, in manchen Berufen sogar mehr als die Hälfte der Neueinsteiger.
Die Gründe für diesen Wandel sind vielfältig. Viele junge Menschen 2, statt jahrelang Theorie zu pauken. Andere brechen ein Studium ab, 3, und suchen danach einen Beruf mit klarem Profil. Nach Schätzungen von Bildungsforschern verlässt etwa jeder Dritte die Universität ohne Abschluss – ein Befund, der viele Eltern verunsichert.
Lena Hartmann, zwanzig Jahre alt, hat diese Erfahrung selbst gemacht. Nach dem Abitur schrieb sie sich für Betriebswirtschaft ein. „Ich saß in Vorlesungen mit vierhundert Kommilitonen und 4“, erzählt sie. Nach zwei Semestern wechselte sie in eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei einem mittelständischen Maschinenbauer. „Für mich war entscheidend, 5, statt nur darüber zu lesen.“ Heute betreut sie eigene Kunden und kennt die Abläufe von der Anfrage bis zur Rechnung. Ihr Studium vermisst sie nicht, auch wenn sie es nicht für verschwendete Zeit hält: Vieles aus den Grundlagenkursen helfe ihr jetzt, sagt sie, weil sie endlich wisse, wozu sie es brauche.
Die Unternehmen haben auf diese Entwicklung reagiert. Betriebe, 6, werben inzwischen gezielt an Gymnasien und bieten Schnupperwochen an. Manche Firmen kombinieren die Lehre sogar mit einem Fernstudium, sodass Auszubildende nach vier Jahren zwei Abschlüsse in der Tasche haben. Die Berufsberaterin Katrin Voss hält solche Modelle für zukunftsweisend: „Wer beides verbinden kann, 7 und ist für den Arbeitsmarkt besonders attraktiv.“
Dabei sind die regionalen Unterschiede groß. In Großstädten mit vielen Hochschulen entscheidet sich immer noch eine Mehrheit der Abiturienten für ein Studium, während in ländlichen Gegenden die Lehre oft als der naheliegende Weg gilt. Dort kennen Jugendliche den Bäcker, die Elektrikerin oder den Landmaschinenmechaniker persönlich und wissen, wie der Arbeitsalltag aussieht. In der Stadt dagegen bleiben viele Berufe unsichtbar, weil sie sich hinter Werkstatttoren und Bürofassaden abspielen.
Lenas Eltern waren zunächst skeptisch. Beide haben studiert, und der Vater hatte sich für seine Tochter eine Laufbahn in einer Unternehmensberatung gewünscht. Erst als sie ihm einen Tag lang ihren Arbeitsplatz zeigte und ihm erklärte, wie sie Lieferzeiten verhandelt und Rechnungen prüft, änderte er seine Meinung. Inzwischen empfiehlt er die Ausbildung sogar Bekannten, deren Kinder vor der gleichen Frage stehen.
Auch das Bild des Handwerks hat sich verändert. Viele Eltern, die selbst studiert haben, sahen in der Lehre lange eine zweite Wahl. Inzwischen verweisen Berufsverbände darauf, dass Meister und Techniker später oft mehr verdienen als Akademiker mancher Fachrichtungen. Hinzu kommen die Aufstiegschancen: Wer eine Lehre abschließt, kann sich zum Meister, Fachwirt oder Techniker weiterbilden und danach, je nach Bundesland, sogar ohne Abitur ein Studium beginnen. Der Weg über die Werkbank führt also keineswegs in eine Sackgasse.
Wie sehr sich das Bild gewandelt hat, zeigt auch der Blick in die Betriebe selbst. Ausbilder berichten, dass Abiturienten oft schneller lernen und Zusammenhänge rascher erfassen, dafür aber manchmal ungeduldiger sind, wenn es um Routinearbeiten geht. Wer jahrelang in der Schule gut abgeschnitten hat, muss erst begreifen, dass ein sauber gefeilter Metallblock mehr Anerkennung bringt als die beste Klausurnote. Viele Betriebe stellen deshalb erfahrene Gesellen an die Seite der Neuen, damit sie in den ersten Monaten nicht den Mut verlieren.
Ein praktischer Grund kommt hinzu. Die Arbeitswelt verändert sich schnell, und viele Berufe verlangen heute digitale Kenntnisse, die sich in der Ausbildung unmittelbar anwenden lassen. Wer in einem Betrieb lernt, arbeitet von Anfang an mit den Maschinen, Programmen und Kunden, die später zum Alltag gehören. Studierende dagegen müssen häufig erst nach dem Abschluss feststellen, wie die Praxis wirklich aussieht.
Es gibt allerdings auch Kritik. Gewerkschaften warnen davor, dass Abiturienten Bewerbern mit Haupt- oder Realschulabschluss die Plätze wegnehmen, vor allem in begehrten Berufen wie Mediengestalter oder Bankkaufmann. Voss teilt diese Sorge zum Teil, sieht die Lösung aber nicht in Zugangsbeschränkungen. Sie plädiert stattdessen für mehr Unterstützung beim Berufseinstieg, etwa durch Nachhilfe und Begleitung in der Probezeit. Jugendlichen mit Abitur wie ohne rät sie vor allem eines: nicht dem Prestige hinterherzulaufen. Am Ende, so Voss, komme es weniger auf den Abschluss an als darauf, 8, die zu den eigenen Stärken passt. „Ein Studium ist kein Selbstzweck, und eine Lehre ist kein Notnagel.“