Wenn der Lautsprecher mitdenkt: Sprachassistenten im Seniorenheim
Gertrud Möller, 83 Jahre alt, hat eine neue Mitbewohnerin, die sie noch nie zu Gesicht bekommen hat. „Lisa, wie wird das Wetter morgen?“, ruft sie in Richtung des kleinen Lautsprechers auf ihrem Wohnzimmertisch, und nach einer Sekunde antwortet eine freundliche Stimme, dass es am Vormittag regnen werde. Frau Möller nickt zufrieden. Seit drei Monaten gehört das Gerät zu ihrem Alltag, 1, und inzwischen ist sie so geübt, dass sie ihre Enkelin damit sogar per Zuruf anrufen kann.
Möglich macht das ein Pilotprojekt in der Wohnanlage Kastanienhof. Der Betreiber hat in zwanzig Apartments einen Sprachassistenten installiert, 2. Die Bewohner konnten zum Beispiel entscheiden, ob das Gerät Radiosender abspielen, das Licht schalten oder Einkaufslisten verwalten soll. „Ziel des Projekts ist es, 3“, sagt die Heimleiterin Ines Brandl. „Wer sich traut, mit einer Maschine zu sprechen, ist bei vielen kleinen Dingen nicht mehr auf Hilfe angewiesen.“
Dabei war der Start keineswegs einfach. Anfangs standen viele Bewohner dem Gerät skeptisch gegenüber, 4. Der pensionierte Buchhalter Konrad Weiß erinnert sich: „Ich habe den Lautsprecher zuerst mit einem Tuch zugedeckt, so unheimlich war mir das.“ Erst nach einem Informationsabend, bei dem ein Techniker die Funktionsweise Schritt für Schritt erklärte, legte sich der Widerstand. Heute sagt Weiß, dass er die Abendnachrichten kaum noch ohne sein Gerät hören möchte.
Wie man mit einer Maschine spricht, muss man allerdings erst lernen. Anfangs scheiterten viele Bewohner daran, dass sie zu leise sprachen, zu schnell mehrere Wünsche aneinanderreihten oder den Satz mittendrin abbrachen. Ein Mitarbeiter der Einrichtung bot deshalb wöchentlich eine Übungsstunde an, in der die Teilnehmer gemeinsam Sätze ausprobierten und sich gegenseitig vorführten, was das Gerät kann. Besonders gut kam eine Runde an, in der der Assistent Quizfragen stellte; nach einigen Wochen gab es darunter sogar eine kleine Liga mit Tabelle, in der die Bewohner gegeneinander antraten und sich nach jeder Runde über die Ergebnisse stritten.
Der Technikexperte des Betreibers, Daniel Öztürk, kennt die Sorgen. Er erklärt, dass das Gerät nach festen Regeln arbeitet. Das Mikrofon lauscht nur auf das Signalwort. Der Assistent reagiere erst dann, 5. Die Aufnahmen werden nicht dauerhaft gespeichert, 6, und eine Kamera haben die Geräte ohnehin nicht. Auf Wunsch kann jeder Bewohner das Mikrofon mit einem Schalter am Gehäuse abstellen, woraufhin ein rotes Licht aufleuchtet. Außerdem hat ein unabhängiger Datenschutzbeauftragter das Projekt begleitet und die Einstellungen geprüft.
Im Alltag zeigt sich der Nutzen vor allem bei Kleinigkeiten. Besonders beliebt sind die Erinnerungsfunktionen, 7. Frau Möller etwa lässt sich jeden Morgen um neun Uhr an ihre Tabletten erinnern, und der Assistent erinnert sie auch an den Friseurtermin am Donnerstag. Wichtig ist zudem die Notruffunktion: Wer „Hilfe“ ruft, dessen Wohnung ist sofort mit dem Pflegedienst verbunden. Im vergangenen Monat stürzte eine Bewohnerin in ihrem Bad und konnte so rasch Hilfe holen, obwohl sie das Telefon nicht erreichen konnte. „Das hätte früher deutlich länger gedauert“, sagt Brandl.
Auch für die Pflege hat sich einiges verändert. Die Mitarbeiter müssen nicht mehr bei jeder Kleinigkeit gerufen werden, etwa wenn jemand das Licht löschen oder die Heizung höher stellen möchte. Das entlastet vor allem die Nachtschicht, in der oft nur wenige Pflegekräfte für ein ganzes Stockwerk zuständig sind. Eine Bewohnerin berichtet, dass sie dem Assistenten manchmal abends einfach Fragen stellt, auf die sie sonst nie jemanden anspräche, etwa wie ein bestimmtes Wort geschrieben wird oder was früher an einem Datum geschah.
Dennoch gibt es Kritik. Vertreter von Seniorenverbänden mahnen, 8. Wenn Bewohner mit einer freundlichen Stimme plaudern, bestehe die Gefahr, dass echte Gespräche seltener würden. Brandl teilt diese Sorge zum Teil und betont, dass die Technik in Kastanienhof bewusst ergänzend gedacht sei. Die Pflegekräfte hätten durch den Assistenten kaum Zeit gewonnen, sondern könnten diese nun für Gespräche nutzen, die sonst ausfielen, etwa für einen Spaziergang oder einen gemeinsamen Kaffee.
Offen ist auch, wer die Kosten trägt. Die Geräte selbst sind günstig, das Projekt wurde aus einem Fördertopf der Region finanziert. Für die Zukunft denkt der Betreiber über ein Modell nach, bei dem die Bewohner einen kleinen monatlichen Betrag zahlen, wenn sie die Dienste dauerhaft nutzen möchten. Einige Angehörige sind dazu bereit, andere fürchten, dass sich ältere Menschen mit knapper Rente den Betrag nicht leisten könnten.
Gertrud Möller kann solche Debatten gelassen betrachten. Für sie zählt, dass sie morgens aufsteht und ihre Wohnung ein wenig freundlicher wirkt, weil jemand grüßt, wenn sie ruft. „Ein Mensch ersetzt sie nicht“, sagt die 83-Jährige. „Aber sie fragt nie, ob ich schon wieder etwas vergessen habe.“ Die Wohnanlage will das Projekt im nächsten Jahr auf alle sechzig Apartments ausweiten und die Erfahrungen anschließend anderen Einrichtungen zur Verfügung stellen.