Ehrenamt unter Druck
Jeden Mittwochabend füllt sich die Turnhalle der Grundschule am Mühlenweg mit lachenden Kindern. Doch hinter der Fröhlichkeit verbirgt sich ein Problem: Der TSV Grünbach, ein Verein mit rund 900 Mitgliedern, 1 er seit Jahren händeringend Übungsleiter sucht. Für die Kinderturngruppe gibt es derzeit nur eine einzige Trainerin, und die denkt ernsthaft darüber nach, ihr Engagement zu verringern.
Der TSV steht damit nicht allein. Vielen Vereinen im Land geht es ähnlich, obwohl der organisierte Sport eigentlich als Erfolgsgeschichte gilt: Etwa jeder Vierte ist Mitglied in einem Sportverein. Doch die Ansprüche haben sich gewandelt. Viele Sportler wollen sich heute nicht mehr langfristig binden, 2 lieber flexibel entscheiden, wann und wo sie trainieren. Wer abends um zehn noch Sport treiben möchte, 3 ein Fitnessstudio, das rund um die Uhr geöffnet ist; die Turnhalle eines Vereins schließt meist um 21 Uhr.
Besonders sichtbar wird der Wandel bei den Jugendlichen. Viele von ihnen probieren mehrere Sportarten aus, anstatt sich früh auf eine festzulegen. Für Vereine, die auf Nachwuchs für feste Mannschaften angewiesen sind, ist das eine Herausforderung. In Grünbach löst sich die B-Jugend-Fußballmannschaft regelmäßig auf, weil Spieler zum Klettern, zum Skaten oder zum Kampfsport wechseln, und manche kehren erst nach einem Jahr zurück.
Hinzu kommt, dass sich immer weniger Menschen bereit erklären, Verantwortung zu übernehmen. Der Vorsitzende Peter Aumüller 4 seit elf Jahren, unbezahlt und neben seinem Beruf als Elektrotechniker. Er schätzt, dass er pro Woche etwa zwanzig Stunden für den Verein aufwendet. Den größten Teil davon verbringt er nicht auf dem Sportplatz, sondern am Schreibtisch. Dazu gehören Abrechnungen, Versicherungsfragen, Hallenpläne 5 die Einhaltung immer neuer Vorschriften zum Datenschutz und zur Sicherheit. „Ich bin gern Vorsitzender“, sagt Aumüller, „aber manchmal fühle ich mich eher wie der Geschäftsführer einer kleinen Firma.“
Auch finanziell sind viele Vereine unter Druck. Die Energiekosten für Hallen und Vereinsheime sind gestiegen, die Mitgliedsbeiträge wurden dagegen jahrelang kaum angehoben, weil man niemanden abschrecken wollte. Aumüller hat im vergangenen Jahr erstmals über eine Erhöhung abstimmen lassen. Die Mitglieder stimmten mit großer Mehrheit zu, baten aber darum, dass im Gegenzug mehr Angebote entstehen. Für Familien mit geringem Einkommen gibt es weiterhin ermäßigte Tarife, die der Verein aus Spenden finanziert.
Dabei leisten Vereine weit mehr, als im Training sichtbar wird. Wer im Verein Sport treibt, 6 häufig Freundschaften, die weit über die Übungsstunde hinausreichen. Nach dem Training sitzt man oft noch zusammen, Eltern organisieren Fahrdienste, und Ältere erzählen den Jüngeren von früheren Wettkämpfen. Gerade für Menschen, die neu in eine Stadt ziehen, ist das ein wichtiger Zugang zu anderen. Fachleute bezeichnen den Sportverein deshalb als einen der wichtigsten Orte des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Der TSV Grünbach versucht, auf die veränderten Gewohnheiten zu reagieren. Er hat begonnen, 7 Mitgliedschaft ausprobiert werden können. Wer will, bucht zehn Stunden Rückenfitness oder Lauftraining und entscheidet danach, ob er bleibt. Bisher sei etwa jeder Fünfte der Teilnehmer anschließend eingetreten, berichtet Aumüller. Außerdem arbeitet der Verein enger mit der Grundschule zusammen: Ältere Jugendliche werden zu Helfern ausgebildet und übernehmen kleinere Aufgaben im Kinderturnen, was ihnen zugleich einen ersten Einblick in die Vereinsarbeit gibt.
Das reicht nach Ansicht des Vorsitzenden jedoch nicht aus. Von der Gemeinde wünscht er sich vor allem, 8 Ehrenamtliche bei Verwaltungsaufgaben entlastet werden, etwa durch eine zentrale Stelle, die Anträge und Abrechnungen für mehrere Vereine übernimmt. Auch mehr Anerkennung wäre hilfreich, zum Beispiel durch kostenlose Fortbildungen oder eine Ehrenamtskarte mit Vergünstigungen im Schwimmbad und im Nahverkehr. „Wer zwanzig Stunden pro Woche für andere arbeitet, soll wenigstens merken, dass es gesehen wird“, meint er.
Dass sich etwas bewegen lässt, zeigt das Beispiel eines Nachbarvereins. Dort teilen sich inzwischen fünf Personen die Aufgaben, die früher bei einem Vorsitzenden lagen: eine für die Finanzen, einer für die Hallenpläne, eine für die Öffentlichkeitsarbeit und zwei für die Mitgliederbetreuung. Die Arbeit verteile sich nun auf mehr Schultern, sagt dessen Kassenwartin, und die Hemmschwelle, sich zu engagieren, sei deutlich gesunken. Niemand müsse mehr alles machen, jeder könne nach seinen Möglichkeiten helfen.
Im TSV Grünbach hofft man, dass dieses Modell Schule macht. Am Mittwochabend jedenfalls bleibt die Turnhalle vorerst geöffnet. Die Kinder merken von den Sorgen der Erwachsenen wenig. Sie hüpfen über Matten, balancieren auf Bänken und rufen nach der Trainerin, die lächelnd eine Rolle vormacht. Nach der Stunde fragt ein Mädchen, ob sie nächste Woche ihre Freundin mitbringen darf. Die Trainerin nickt. Vielleicht, sagt sie später, sei genau das der Grund, warum sie noch nicht aufgehört habe.