Klicken oder bummeln?
Der Samstagvormittag in der Fußgängerzone sieht vielerorts anders aus als noch vor zwanzig Jahren. Wo früher Schuhgeschäfte und Elektrohändler um Kundschaft warben, stehen heute Schaufenster leer, hinter denen 1. Gleichzeitig stapeln sich in den Treppenhäusern die Pakete. Der Onlinehandel hat in den vergangenen Jahren kräftig zugelegt; Branchenschätzungen zufolge wird inzwischen etwa jeder sechste Euro im Einzelhandel im Netz ausgegeben. Für manche Beobachter ist damit klar, wer das Duell gewonnen hat. Doch so einfach ist die Rechnung nicht.
Befragungen zeigen nämlich, dass die meisten Menschen 2, statt sich für einen der beiden Wege zu entscheiden. Der Kauf beginnt oft mit einer Suche im Netz und endet an der Ladenkasse, oder er verläuft umgekehrt. Händler berichten, dass Kunden heute häufig mit dem Smartphone in der Hand ins Geschäft kommen, um Preise und Bewertungen zu vergleichen. Lange galt das als Ärgernis, weil die Beratung Zeit kostet und der Kauf anschließend woanders stattfinden könnte. Inzwischen sehen viele Inhaber darin eher 3: Wer gut informiert kommt, weiß, was er will, und lässt sich leichter von Qualität überzeugen als von einem Rabatt.
Beim Preis hat das Netz trotzdem häufig die Nase vorn, weil Anbieter im Netz oft 4. Dafür zahlen sie an anderer Stelle: für Werbung, für Plattformgebühren und für den Versand. Stationäre Händler punkten dagegen bei Dingen, die sich schwer vergleichen lassen. Ein Paar Wanderschuhe will anprobiert werden, ein Fahrrad Probe gefahren, und wer im Winter einen Ersatzakku für sein Gerät braucht, möchte ihn am liebsten sofort mitnehmen. Auch Menschen, die ungern ihre Daten preisgeben oder mit Karte bezahlen, schätzen den Einkauf, bei dem man einfach ein paar Münzen auf den Tresen legt.
Auch die Frage, wer überhaupt wo einkauft, lässt sich nicht pauschal beantworten. Jüngere bestellen häufiger im Netz, doch gerade sie schätzen Läden mit Charakter, etwa Secondhandgeschäfte oder kleine Plattenläden, in denen man stöbern kann. Ältere gehen eher in die Geschäfte, sind aber schneller im Netz, als man vermutet, sobald es um schwere Dinge wie Getränkekisten oder Gartenmöbel geht. Auf dem Land verschiebt sich das Bild noch einmal: Wo der nächste Supermarkt zehn Kilometer entfernt ist, ist der Paketbote oft das einzige Angebot, das tatsächlich bis vor die Haustür kommt.
Ein wunder Punkt des Onlinehandels sind die Rücksendungen. Besonders bei Kleidung wird 5, oft nur, weil Kunden vorsichtshalber mehrere Größen bestellt haben. Für die Anbieter bedeutet das Kosten, die sich nicht immer in den Preisen verstecken lassen; manche Unternehmen verlangen deshalb inzwischen eine Gebühr für die Rücksendung. Auch die Umweltbilanz ist nicht eindeutig. Entscheidend ist weniger der Verkaufsweg als die Strecke, die Waren und Menschen zurücklegen. Wer für ein einziges Kleidungsstück mit dem Auto in die Stadt fährt und einen Parkplatz sucht, verursacht oft 6 als ein Lieferwagen, der viele Pakete auf einer Tour verteilt. Wer dagegen zu Fuß oder mit dem Rad zum Geschäft an der Ecke geht, hat die beste Bilanz.
Die Arbeitswelt verändert sich mit. In den Logistikzentren entstehen Stellen, an denen Beschäftigte Waren packen und verschicken, oft im Takt eines Computers. In den Läden dagegen arbeiten Verkäuferinnen und Verkäufer, die ihre Kundschaft häufig mit Namen kennen. Gewerkschaften weisen darauf hin, dass beides Arbeitsplätze sind, die gute Bedingungen verdienen, und dass der Preisvorteil im Netz nicht auf Kosten der Beschäftigten gehen darf.
Viele Geschäfte haben deshalb begonnen, 7. Die Bäckerei verkauft Brot im Abonnement, die Buchhandlung bietet eine Abholbox an, die auch nach Ladenschluss zugänglich ist. Digitale Technik ist dabei weniger der Gegner als das Werkzeug. Andere Händler schließen sich zusammen und betreiben gemeinsam eine regionale Plattform, auf der Kunden das Angebot der ganzen Stadt durchsuchen können. Solche Projekte sind nicht überall erfolgreich, denn der Aufwand für Technik und Logistik ist für kleine Betriebe hoch. Wo sie gelingen, liegt es meist an einer Handvoll engagierter Menschen, die sich um das Gemeinsame kümmern, ohne darauf zu warten, dass die Politik etwas unternimmt.
Die Städte reagieren ebenfalls. Manche verbilligen das Parken am Samstag, andere erlauben Cafés und Märkte auf Plätzen, die bisher nur Durchgangsraum waren, oder vermieten leere Läden zeitlich begrenzt und günstig an Gründerinnen und Gründer. Ob das reicht, ist offen. Fest steht nur, dass sich die Zukunft der Innenstädte weniger an der Frage „Netz oder Laden“ entscheidet als an 8. Beratung, Begegnung und ein bisschen Zufall sind Dinge, die ein Paket nicht liefern kann, und genau deshalb werden sie für viele Kunden wieder wertvoller. Wer die Zentren lebendig halten will, muss also nicht gegen das Internet kämpfen, sondern etwas anbieten, das auf dem Bildschirm fehlt.