Mehrweg statt Wegwerfbecher: Weidenau wagt ein Experiment
Wer in Weidenau morgens einen Kaffee zum Mitnehmen bestellt, bekommt seit dem vergangenen Frühjahr kaum noch einen Pappbecher in die Hand gedrückt. Stattdessen reicht ihm die Verkäuferin einen 1, der sich nach dem Gebrauch in jedem teilnehmenden Geschäft wieder abgeben lässt. Die Stadt mit knapp 40 000 Einwohnern hat damit ein Projekt gestartet, das inzwischen weit über die Region hinaus Beachtung findet.
Die Idee stammt von der städtischen Abfallberatung. „Allein in der Fußgängerzone sind im vergangenen Jahr schätzungsweise zwei Millionen Einwegbecher angefallen“, sagt Marlene Kühn, die das Projekt leitet. „Das war eine Menge Müll, 2, und das mitten im Zentrum der Stadt.“ Die Becher landeten in Papierkörben, auf Parkbänken und in den Beeten vor dem Rathaus. Viele von ihnen sind zudem innen mit einer dünnen Kunststoffschicht überzogen und lassen sich deshalb kaum verwerten.
Das System ist schnell erklärt: Wer einen Heißgetränkebecher möchte, zahlt einen Euro Pfand, 3, egal in welchem Geschäft er ihn abgibt. Die Rückgabe ist bei allen 46 beteiligten Betrieben möglich, von der Bäckerei über die Tankstelle bis zum Kiosk am Bahnhof. Gereinigt werden die Becher in einer zentralen Spülstation am Stadtrand, 4. Ein Lieferdienst auf Lastenrädern bringt die sauberen Becher anschließend zu den Geschäften zurück, sodass jeden Morgen genügend Nachschub bereitsteht.
Anfangs waren längst nicht alle Händler überzeugt. Der Bäcker Henrik Salzer etwa befürchtete, 5. „Ich dachte, die Leute sind morgens im Stress und wollen nicht auch noch nach einer Abgabestelle suchen“, erzählt er. Heute sieht er das anders: Nach einigen Wochen habe sich der Ablauf eingespielt, und bei manchen Stammkunden gehöre der Becher inzwischen so selbstverständlich zum Weg zur Arbeit wie die Zeitung oder der Regenschirm. Manche brächten sogar mehrere gebrauchte Becher gleichzeitig zurück, weil sie sie im Auto oder im Büro gesammelt hätten.
Nach sechs Monaten zieht die Stadtverwaltung eine erste Bilanz. Rund 120 000 Getränke wurden in Mehrwegbechern ausgegeben, die Rückgabequote liegt bei 94 Prozent, 6. Auch die Menge der Einwegbecher in den öffentlichen Mülleimern ist spürbar gesunken; die Mitarbeiter der Stadtreinigung berichten, dass sie in der Fußgängerzone deutlich seltener Pappbecher einsammeln müssen. Kühn warnt allerdings vor übertriebenem Optimismus: „Ein Becher muss mindestens zwanzigmal benutzt werden, 7, und das gelingt nur, wenn die Menschen ihn auch wirklich zurückbringen.“
Auch bei Veranstaltungen soll das Prinzip künftig gelten. Beim Stadtfest im Sommer hatte der Veranstalter erstmals auf Einwegbecher verzichtet und stattdessen ein eigenes Pfandsystem eingeführt. Das Ergebnis: Statt der üblichen Müllberge blieben am Ende des Wochenendes nur wenige Säcke zurück, und die Reinigungskräfte mussten deutlich weniger Zeit aufwenden. Die Besucher gewöhnten sich nach Angaben der Organisatoren erstaunlich schnell an den Ablauf, denn die Rückgabestellen standen an jeder Ecke des Festgeländes.
Kritik kommt von anderer Seite. Ein regionaler Gastronomieverband bemängelt, dass die Spülstation viel Wasser und Energie verbrauche und die Transportwege die Umweltbilanz zusätzlich verschlechterten. Die Stadt hält dagegen: Die Station arbeite mit Ökostrom, 8, und die Lastenräder verursachten ohnehin keine Abgase. Auch die Besucher der Innenstadt sollen künftig mehr über den Hintergrund erfahren: Auf Plakaten und in einer App will die Stadt die Ergebnisse regelmäßig veröffentlichen. Eine unabhängige Untersuchung, die diese Angaben überprüfen soll, ist bereits in Auftrag gegeben worden und soll im Winter vorliegen.
Für die Betriebe ist die Teilnahme zunächst kostenlos. Die Stadt hat die Erstausstattung mit 60 000 Bechern aus Fördermitteln bezahlt. Die laufenden Kosten sollen später zu einem Teil durch eine kleine Gebühr der Geschäfte gedeckt werden, die sich nach der Zahl der ausgegebenen Becher richtet. Wie hoch sie ausfallen wird, ist noch offen; der Stadtrat will im Frühjahr darüber entscheiden, nachdem er die Betriebe angehört hat. Einige Händler fürchten, dass kleine Läden dadurch stärker belastet werden als große Ketten, und fordern eine soziale Staffelung.
Bei den Kunden kommt das System bislang gut an. Die Studentin Jana Roth, die jeden Morgen vor der Vorlesung einen Milchkaffee holt, findet das Verfahren unkompliziert. „Anfangs hatte ich den Becher ständig vergessen, aber mittlerweile klebt eine Erinnerung an meiner Wohnungstür“, sagt sie lachend. Der Rentner Walter Hahn sieht es pragmatischer: Ihn störe vor allem, dass er für einen einzigen Kaffee zuerst ein Pfandstück in der Tasche haben müsse. Er wünsche sich deshalb eine Lösung, bei der man den Becher auch digital registrieren könne.
Mehrere Nachbargemeinden haben bereits angekündigt, das Weidenauer Modell übernehmen zu wollen. Im Herbst soll das Angebot außerdem auf Schalen für Essen zum Mitnehmen ausgeweitet werden, denn gerade in der Mittagspause fällt in der Innenstadt besonders viel Verpackungsmüll an. Kühn bleibt trotzdem nüchtern: „Das Projekt ist kein Selbstläufer. Es funktioniert nur, solange wir es den Menschen so einfach wie möglich machen. Und wir müssen ehrlich bleiben: Der beste Becher ist trotzdem der, der gar nicht erst gebraucht wird.“