Wenn die Stadt nie schweigt
Das Hupen eines Lieferwagens, das Kreischen einer Straßenbahn in der Kurve, das Dröhnen eines Presslufthammers – für viele Stadtbewohner gehört dieser Geräuschteppich so selbstverständlich zum Alltag, dass sie ihn kaum noch wahrnehmen. Ihr Körper tut es dennoch. Nach einer Umfrage fühlt sich etwa jeder Dritte in deutschen Großstädten durch Straßenlärm 1. Auf dem Land ist der Anteil deutlich geringer.
Lärmmediziner weisen darauf hin, dass dauerhafter Lärm 2, selbst wenn sich die Betroffenen längst an ihn gewöhnt zu haben glauben. Der Körper schüttet Stresshormone aus, der Puls steigt, und der Schlaf wird flacher. Langfristig, so die Fachleute, erhöht sich dadurch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Besonders gefährdet sind Menschen, 3, weil ihre Schlafzimmer oft zur Straße hin liegen und nachts kaum Ruhe einkehrt.
Die fiktive Großstadt Neustetten hat deshalb einen Lärmaktionsplan beschlossen, der 4 halbieren soll. Das wichtigste Instrument ist Tempo 30. Auf der Uferstraße, 5, gilt seit einem Jahr nachts diese Höchstgeschwindigkeit. Messungen der Stadt ergaben, dass der Pegel dadurch um etwa drei Dezibel gesunken ist. Das klingt nach wenig, 6 – schon drei Dezibel weniger entsprechen rechnerisch einer halbierten Verkehrsmenge.
Grundlage des Plans ist eine Lärmkarte, die alle fünf Jahre aktualisiert wird. Sie zeigt farbig, wo tagsüber und nachts welche Pegel herrschen, und macht auf einen Blick sichtbar, in welchen Straßenzügen besonders viele Menschen betroffen sind. Ergänzend können Bürger über eine Internetseite Beschwerden melden. Im ersten Jahr gingen mehrere tausend Meldungen ein, von denen sich viele auf wenige Kreuzungen und Baustellen konzentrierten. Die Verwaltung wertet sie aus und nutzt sie, um die Maßnahmen gezielt dort einzusetzen, wo der Bedarf am größten ist.
Für Sabine Roth, die seit zwanzig Jahren in einer Wohnung an der Uferstraße lebt, hat sich der Alltag spürbar verändert. „Früher habe ich das Schlafzimmerfenster auch im Sommer geschlossen gehalten und trotzdem jede Nacht die Lastwagen gehört“, erzählt die Buchhalterin. „Seit Tempo 30 gilt, kann ich das Fenster wieder kippen. Das klingt banal, aber für mich ist es ein Stück Lebensqualität.“ Ihre Nachbarn berichten Ähnliches. Mehrere haben sogar die Schlafräume wieder zur Straße hin eingerichtet, die sie zuvor in die hinteren Zimmer verlegt hatten.
Nicht alle sind begeistert. Kritiker 7, dass der Verkehr dadurch nur in die Nebenstraßen ausweiche und die Fahrzeiten für Pendler und Lieferdienste länger würden. Die Verwaltung bestreitet das nicht ganz, verweist aber auf erste Zählungen, nach denen sich der Durchgangsverkehr kaum verlagert hat. Zudem sei der Zeitverlust gering: Nachts, wenn ohnehin wenig los sei, koste die Beschränkung im Schnitt nur wenige Sekunden pro Kilometer.
Der Lärmaktionsplan setzt nicht nur auf Verbote, sondern 8, etwa auf Schallschutzfenster, deren Einbau bei besonders belasteten Gebäuden bezuschusst wird, und auf neue Fahrradstraßen, die den Durchgangsverkehr aus einzelnen Wohnvierteln heraushalten. Hinzu kommt die Begrünung von Fassaden und Dächern, die zwar kaum Schall schluckt, aber nach Beobachtung der Planer den Eindruck von Ruhe verstärkt.
Auch an Schulen und Kindergärten will die Stadt ansetzen. Studien aus mehreren Ländern deuten darauf hin, dass Kinder in lauten Klassenzimmern schlechter lesen lernen und sich schwerer konzentrieren. Neustetten lässt deshalb Gebäude entlang stark befahrener Straßen mit zusätzlichen Fenstern und Schallschutzdecken ausrüsten und plant, Eingänge und Pausenhöfe möglichst von den Hauptstraßen abzuwenden.
Finanziert wird der Plan zum Teil aus dem Stadthaushalt, zum Teil aus Förderprogrammen des Landes. Das reicht allerdings nicht für alles aus, was sich die Planer wünschen. Deshalb müssen die Verantwortlichen Prioritäten setzen und zunächst die Viertel angehen, in denen die meisten Menschen unter den höchsten Pegeln leiden.
Für Pendler sollen außerdem bessere Alternativen entstehen: Die Stadt verlängert Buslinien in die Außenbezirke, baut Abstellanlagen für Fahrräder aus und testet Lieferzonen am Stadtrand, von denen aus Pakete mit Lastenrädern verteilt werden. Jeder Lieferwagen, der nicht durch die Innenstadt fährt, so die Rechnung der Planer, macht die Straßen ein bisschen leiser.
Ob der Plan sein Ziel erreicht, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Fachleute mahnen zur Geduld: Lärmschutz sei keine einzelne Maßnahme, sondern ein Bündel kleiner Schritte, die zusammen wirken. Bürgerinitiativen fordern dennoch schnellere Fortschritte und mehr Kontrollen, vor allem nachts. Bis dahin bleibt für viele Anwohner nur die Hoffnung, dass die Stadt zumindest an einigen Orten wieder ein wenig leiser wird.