Strom für die Straße – aber nicht für jeden
Wer heute durch eine deutsche Großstadt geht, begegnet ihnen fast an jeder Ecke: Ladesäulen für Elektroautos. Dass sich die Zahl der öffentlichen Ladepunkte 1 , liegt vor allem an staatlichen Förderprogrammen und an Kommunen, die den Ausbau aktiv vorantreiben. Dennoch klagen viele Fahrerinnen und Fahrer, dass die Säule vor der Haustür besetzt oder defekt sei. Der Eindruck, es gebe zu wenig Ladepunkte, entsteht dabei weniger durch die Gesamtzahl als durch deren ungleiche Verteilung: In Innenstädten drängen sich die Säulen, auf dem Land bleiben sie die Ausnahme.
Das Kernproblem liegt ohnehin an anderer Stelle. Rund zwei Drittel aller Ladevorgänge finden nach Schätzungen von Branchenverbänden zu Hause oder am Arbeitsplatz statt. Wer jedoch in einer Mietwohnung ohne eigene Garage lebt, 2 , öffentliche Säulen zu nutzen, und zahlt dort nicht selten ein Mehrfaches des Preises, den Hausbesitzer für ihren Strom entrichten. Für viele Stadtbewohner ist der Umstieg auf das Elektroauto deshalb nicht nur eine Frage der Anschaffungskosten, sondern auch eine des Wohnorts.
Immerhin hat sich die rechtliche Lage verbessert. Seit einigen Jahren haben Mieter grundsätzlich Anspruch auf den Einbau einer Wallbox, 3 ; zudem ist der Hausanschluss in älteren Gebäuden oft zu schwach, sodass erst teure Leitungen verlegt werden müssen. In der Praxis scheitert der Wunsch nach der eigenen Ladestation deshalb nicht selten an Aufwand und Geld, und manche Eigentümergemeinschaft zieht die Abstimmung über Monate in die Länge.
Auch Arbeitgeber entdecken das Thema für sich. Immer mehr Unternehmen installieren Ladepunkte auf ihren Parkplätzen, 4 Beschäftigte binden und zugleich ihre Klimabilanz verbessern können. Manche Firmen stellen den Strom kostenlos zur Verfügung, andere verlangen einen kleinen Betrag. Für Beschäftigte ohne eigene Wallbox ist das Laden während der Arbeitszeit oft die bequemste und günstigste Lösung.
Damit die Stromnetze nicht überlastet werden, setzen Betreiber zunehmend auf intelligentes Laden. Dabei 5 , wenn Strom reichlich und günstig verfügbar ist, meist nachts oder an windreichen Tagen. Die Fahrer legen lediglich fest, bis wann das Auto wieder voll sein soll; den Rest übernimmt die Steuerung. Erste Pilotprojekte zeigen, dass sich auf diese Weise die Belastungsspitzen am frühen Abend deutlich abflachen lassen.
Hinzu kommen praktische Hürden, die mit der Technik wenig zu tun haben. Wer in einer fremden Stadt laden will, steht oft vor der Frage, welche Ladekarte oder App an der jeweiligen Säule funktioniert. Zwar setzen sich Kartenzahlung und einfache Bezahlverfahren allmählich durch, doch in der Übergangszeit hat mancher Fahrer gleich mehrere Karten im Handschuhfach. Auch die Kabel sind ein Thema: Nicht jede Säule bietet ein fest angeschlossenes Kabel, und wer das eigene vergessen hat, steht trotz freier Säule buchstäblich im Regen.
Verbessert hat sich dagegen die Anzeige: Viele Navigationssysteme und Apps zeigen inzwischen in Echtzeit, welche Säulen frei sind und wie schnell sie laden. Das erspart manche Irrfahrt, setzt aber voraus, dass die Betreiber ihre Daten zuverlässig melden, und daran hapert es noch häufig. Eine freie Säule, die in der App als besetzt erscheint, ist für niemanden ein Gewinn.
Einen anderen Weg gehen einige Kommunen, die Straßenlaternen zu Ladepunkten umrüsten. Die Idee ist einfach: Der Strom liegt bereits im Mast, und die Parkplätze am Straßenrand sind dort, wo die Menschen wohnen. In Pilotprojekten lassen sich Fahrzeuge über Nacht mit geringer Leistung laden, was für den Alltag meist genügt. Allerdings sind nicht alle Leitungen dafür ausgelegt, und die Zahl der geeigneten Standorte bleibt begrenzt. Als Ergänzung zu klassischen Säulen gilt das Modell dennoch als vielversprechend.
Wer unterwegs eine Schnellladesäule ansteuert, braucht vor allem Geduld und einen Blick auf die Preise. Wer sein Auto an einer Schnellladesäule lädt, 6 , denn je nach Anbieter und Tarif kann die Kilowattstunde dort mehr als doppelt so viel kosten wie am heimischen Anschluss. Viele Anbieter verlangen zudem eine Grundgebühr oder höhere Preise für Gäste ohne Vertrag. Verbraucherschützer fordern deshalb seit Langem einheitliche und leicht verständliche Preisanzeigen direkt an der Säule.
Damit das Netz aus Säulen wirklich überzeugt, reicht es nicht, immer mehr Standorte zu eröffnen. Fachleute halten es für entscheidend, 7 , statt nur immer neue Säulen aufzustellen. Dazu gehören verlässliche Statusanzeigen, bessere Wartung und Plätze, die nicht dauerhaft von parkenden Verbrennern blockiert werden. Mancherorts kontrollieren Ordnungsämter inzwischen eigens, ob Ladeplätze zweckentfremdet werden.
Bis das Laden unterwegs 8 , wird es daher noch dauern. Gerade im ländlichen Raum fehlen vielerorts verlässliche Angebote, und wer nur selten längere Strecken fährt, plant seine Ladestopps weiterhin sorgfältig. Doch die Richtung stimmt: Mit jedem Jahr wird das Netz dichter und die Bedienung einfacher, und für viele Menschen verliert das Elektroauto damit ein weiteres Argument der Skeptiker.