Zwischen Like und Limit: Wie Jugendliche mit sozialen Medien leben
Die große Pause am Gymnasium in Lindenfeld beginnt jeden Tag gleich. Kaum ist die Klingel verstummt, 1 und scrollen durch ihre Feeds, während der Pausenhof fast leer bleibt. Früher, erzählt der Schulleiter, seien die Kinder nach draußen gestürmt. Heute müsse man manche daran erinnern, dass es dort überhaupt Bänke gibt. Der Schulleiter sieht darin kein Drama, wohl aber ein Zeichen: Pausen, die früher dem Toben und Plaudern gehörten, sind für viele zum Zeitfenster für die Welt außerhalb der Schule geworden.
Dass Jugendliche viel Zeit im Netz verbringen, ist längst bekannt. Nach einer repräsentativen Umfrage unter Zwölf- bis Siebzehnjährigen ist etwa jeder Dritte täglich mehr als drei Stunden in sozialen Netzwerken unterwegs. Interessanter als diese Zahl ist allerdings die Frage, was die jungen Leute dort eigentlich tun. Die Medienpädagogin Mara Lindqvist, 2, hat darauf eine ernüchternde Antwort: Ein großer Teil der Zeit gehe für passives Anschauen drauf, also für Videos, die der Algorithmus ohne Zutun der Nutzer nachlädt. Aktiv posten, kommentieren oder chatten nur wenige regelmäßig. Selbst gemachte Inhalte stammen meist von einer kleinen Gruppe, der große Rest schaut zu.
Lindqvist warnt davor, 3. „Wer ein Gerät viel benutzt, ist deshalb noch nicht abhängig“, sagt sie. Problematisch werde es vor allem dann, 4. Warnzeichen seien außerdem Gereiztheit, sobald das Handy außer Reichweite liegt, oder das heimliche Weiterschauen unter der Bettdecke. Wer solche Muster bei seinem Kind bemerke, solle nicht schimpfen, sondern nachfragen, was die Plattform ihm gerade gebe.
Dass der Schlaf leidet, merken auch die Lehrkräfte. Vor allem montags sitzen viele Schüler müde im Unterricht, weil sie bis spät in die Nacht online waren. Eine Schulärztin schätzt, dass etwa jeder zweite Jugendliche mit dem Smartphone in der Hand einschläft, obwohl er weiß, dass das Licht und die ständigen Reize ihm die Erholung rauben.
Häufig ist die Antwort ernüchternd. Viele Jugendliche berichten von 5, das sie vor allem am Wochenende überfalle: Auf den Bildern anderer sehen sie Partys, Reisen und perfekte Körper und fragen sich, warum ihr eigener Alltag so unspektakulär ist. Die 16-jährige Lena kennt dieses Gefühl gut. „Ich weiß ja, dass die meisten Fotos bearbeitet sind“, sagt sie. „Trotzdem fühle ich mich danach schlechter.“ Seit einem halben Jahr hat sie deshalb die Benachrichtigungen ausgeschaltet und öffnet ihre Apps nur noch zu festen Zeiten.
Hinzu kommt der Sog der kleinen Belohnungen. Jedes Like, jede Antwort und jeder neue Follower löst einen kurzen Glücksmoment aus, den das Gehirn gern wiederholen möchte. Besonders wirkungsvoll sind sogenannte Serien, bei denen Freunde einander täglich eine Nachricht schicken müssen, um die Verbindung nicht zu „verlieren“. Mancher Zwölfjährige schreibt deshalb nachts noch schnell eine Nachricht, nur damit die Zahl nicht auf null springt. Die Anbieter kennen diese Mechanismen und nutzen sie, denn je länger die Nutzer bleiben, desto mehr Werbung können sie ausspielen.
Dass soziale Medien ausschließlich schaden, will Lindqvist dennoch nicht behaupten. Während die einen unter dem ständigen Vergleich leiden, 6. Ein Junge aus einem kleinen Dorf, der sich für seltene Brettspiele begeistert, trifft online auf Menschen mit demselben Hobby. Ein Mädchen, das sich in der Klasse nicht traut zu sprechen, übt in einer Schreibgruppe, die eigene Meinung zu vertreten. Auch politisches Interesse wecken die Plattformen bei manchen Jugendlichen, etwa wenn Mitschüler gemeinsam Unterschriften für einen Radweg sammeln und die Aktion im Netz bekannt machen.
Eltern reagieren auf diese Doppelgesichtigkeit oft hilflos. Manche greifen zu strikten Verboten, 7. Das untergrabe, so Lindqvist, ihre Glaubwürdigkeit. Besser sei es, Regeln gemeinsam auszuhandeln, etwa handyfreie Mahlzeiten oder eine Ladestation außerhalb des Schlafzimmers, die dann für alle gilt, auch für Mutter und Vater. Auch die Schule selbst ist nicht frei von Widersprüchen: Hausaufgaben werden in Lernplattformen eingestellt, Klassengruppen organisieren Ausflüge, und manche Lehrkräfte schreiben ihren Schülern über Messenger. Ein vollständiger Rückzug ist damit kaum möglich, und sinnvoll wäre er auch nicht.
Am Ende, so Lindqvist, entscheide nicht die Technik über das Wohlergehen der Jugendlichen, sondern 8. Schulen könnten dazu beitragen, indem sie Medienkompetenz nicht als Zusatzfach, sondern als Querschnittsthema begreifen. In Lindenfeld hat man damit begonnen: Einmal pro Woche gibt es nun eine Pause ohne Geräte. Anfangs, sagt eine Lehrerin, sei das Murren groß gewesen. Inzwischen aber höre sie auf dem Hof wieder Lachen und manchmal sogar das Klacken eines Tischtennisballs. Auch Lena schreibt inzwischen für die Schülerzeitung über ihre Erfahrungen. Ihr Fazit: „Das Handy ist nicht der Feind, aber ich will entscheiden, wann ich es benutze.“