Feierabend am Küchentisch: Wenn das Büro nach Hause zieht
Es ist kurz nach sieben Uhr abends, als Jana Berger endlich den Laptop zuklappt. Seit vier Jahren arbeitet die Projektleiterin eines Versicherungsunternehmens überwiegend von zu Hause aus, und auch an diesem Tag hat sie länger gesessen als geplant. Eigentlich wollte sie um halb sechs Schluss machen, doch dann beantwortete sie 1, die kurz vor Feierabend eingetroffen war. Aus der einen Nachricht wurden drei, und aus dem geplanten Feierabend 2. „Im Büro hätte ich irgendwann meine Jacke genommen und wäre gegangen“, sagt sie. „Hier sitze ich immer noch an dem Tisch, an dem es gleich Abendbrot gibt.“
Berger ist damit keine Ausnahme. Laut einer Befragung unter Beschäftigten arbeitet etwa jeder Dritte im Homeoffice länger, 3 vertraglich vereinbart ist. Arbeitspsychologen sprechen von Entgrenzung. Wo der Esstisch zugleich Schreibtisch ist, 4, und das Gefühl, jederzeit erreichbar sein zu müssen, wächst mit jeder Nachricht, die auf dem Smartphone aufleuchtet. Dabei hatte die Umstellung auf mobiles Arbeiten ursprünglich als Gewinn an Freiheit gegolten: kein Pendeln, mehr Zeit für die Familie, ruhigeres Arbeiten ohne ständige Störungen durch Kollegen.
Das Unternehmen, für das Berger arbeitet, hat auf das Problem reagiert und deshalb 5 eingeführt: Nach neunzehn Uhr und am Wochenende sollen Nachrichten nur noch im Notfall verschickt werden, und wer abends schreibt, kann die Mail zeitversetzt am nächsten Morgen zustellen lassen. Die Personalleiterin Sabine Kruse betont, dass es dabei nicht um Verbote gehe. „Wir wollen, dass niemand ein schlechtes Gewissen hat, wenn er abends nicht antwortet. Das Signal muss von oben kommen.“ Tatsächlich verschickt die Geschäftsführung ihre eigenen Mails inzwischen fast nur noch tagsüber.
Auch die Mittagspause leidet. Früher ging Berger mit Kolleginnen in die Kantine, heute isst sie häufig vor dem Bildschirm, während im Hintergrund eine Besprechung läuft. Das Unternehmen versucht gegenzusteuern: Es gibt freiwillige digitale Kaffeerunden ohne Tagesordnung, und jeden Mittwoch lädt ein Team zu einem gemeinsamen Spaziergang ein, bei dem Telefone in der Tasche bleiben sollen. „Anfangs haben wir darüber gelacht“, erzählt Kruse. „Inzwischen sind es die Termine, die am seltensten abgesagt werden.“ Auch der Betriebsarzt bietet Sprechstunden per Video an, die vor allem Beschäftigte nutzen, die sich abends nicht mehr abschalten können.
Berger selbst hat sich angewöhnt, 6, um den Arbeitstag auch innerlich zu beenden. Außerdem trägt sie bei der Arbeit andere Kleidung als in der Freizeit, was sie zunächst für albern hielt. „Aber es funktioniert“, sagt sie. „Wenn ich mich umgezogen habe, ist auch im Kopf Feierabend.“ Ihr Mann, der als Lehrer arbeitet, hat einen anderen Weg gefunden: Er geht jeden Abend eine Viertelstunde um den Block, auch bei Regen, als eine Art Ersatz für den Heimweg, den er nicht mehr hat.
Schwierig wird es vor allem dort, wo der Platz knapp ist. In der Dreizimmerwohnung der Bergers teilen sich die Eheleute und die achtjährige Tochter ein Arbeitszimmer, in dem die Wände dünn und die Terminkalender voll sind. Wenn eine Videokonferenz beginnt, wird die Wohnungstür zur Grenze: Alle anderen flüstern, die Tochter malt leise im Flur. „Das klappt, ist aber anstrengend“, gibt Berger zu. Eine Kollegin, die allein in einem Einzimmerapartment wohnt, berichtet dagegen, dass ihr die Decke auf den Kopf falle, weil sie wochenlang kaum Menschen sehe.
Besonders gefordert sind Führungskräfte. Sie stehen vor der Aufgabe, 7, ohne die Beschäftigten ständig zu kontrollieren. Früher galt Anwesenheit oft als Zeichen von Einsatz; im Homeoffice lässt sich das nicht mehr beurteilen. Kruse räumt ein, dass manche Vorgesetzte damit anfangs gehadert haben. Inzwischen werden sie in Schulungen darauf vorbereitet, Ziele klar zu vereinbaren und nur dann nachzufragen, wenn es wirklich nötig ist. „Vertrauen ist keine Schwäche“, sagt die Personalleiterin. „Aber es muss geübt werden.“
Gleichzeitig will kaum jemand ganz auf das Büro verzichten. Es fehlen die kurzen Gespräche auf dem Flur, das gemeinsame Mittagessen, der spontane Rat eines Kollegen. Berger plädiert deshalb für ein Mischmodell, 8 im Büro zusammenkommt, und sonst jeder dort arbeitet, wo er am produktivsten ist. „Ich brauche beides“, sagt sie. „Die Ruhe zu Hause für konzentrierte Arbeit und das Büro für die Menschen.“
An diesem Abend räumt sie ihren Laptop in die Schublade des Sideboards, schaltet das Diensthandy auf lautlos und beginnt zu kochen. Dass der Esstisch gleich wieder zum Esstisch wird, ist für sie der schönste Moment des Tages.