Gemüse statt Brachfläche: Wie ein Garten ein ganzes Viertel verändert
Wer an einem Samstagmorgen das grüne Tor in der Lindenstraße öffnet, 1, die vor sieben Jahren noch ein verwahrloster Parkplatz war. Zwischen Hochbeeten, Kompostkisten und einem selbst gebauten Bienenhotel arbeiten etwa vierzig Menschen: Rentner, Studierende, junge Eltern mit Kleinkindern und eine Gruppe von Jugendlichen, die 2, inzwischen aber zwei eigene Beete betreuen. Es riecht nach feuchter Erde und frisch geschnittenem Basilikum, und irgendwo läuft ein Radio.
Der Garten im Stadtteil Eichenau gehört niemandem allein und doch allen, die mitmachen. Entstanden ist er vor einigen Jahren, als sich Anwohner gegen den Bau eines weiteren Parkhauses wehrten. Statt nur zu protestieren, 3 und baten die Stadt, ihnen das Gelände für eine Weile zu überlassen. Die Verwaltung stimmte zunächst nur einer Pacht auf drei Jahre zu, 4 der Vertrag inzwischen bis zum Jahr 2035 verlängert wurde. Heute zählt der Verein „Grünes Eichenau“ mehr als hundert Mitglieder, und es gibt eine Warteliste für die begehrten Beete in der Sonne.
Eichenau ist kein Einzelfall. Laut einer Umfrage unter Stadtverwaltungen hat sich die Zahl der Gemeinschaftsgärten in deutschen Großstädten in den vergangenen zehn Jahren 5, und vielerorts stehen Interessierte auf Wartelisten. Das Modell ist dabei meist ähnlich: Die Kommune oder ein privater Eigentümer überlässt eine Fläche, ein Verein organisiert den Betrieb, und die Mitglieder teilen sich Arbeit und Ernte. Wer mitmachen will, zahlt einen kleinen Jahresbeitrag und verpflichtet sich, regelmäßig mit anzupacken.
Die Gärtnerin Marlene Zeller, 6, beschreibt den Garten als Wohnzimmer unter freiem Himmel. „Am Anfang ging es mir um frische Tomaten“, erzählt die pensionierte Lehrerin. „Inzwischen kenne ich hier mehr Menschen als in dem Haus, in dem ich seit dreißig Jahren wohne.“ Nach ihrem Eindruck hat der Garten die Straße verändert: Man grüßt sich, leiht sich Werkzeug und kümmert sich gegenseitig um die Pflanzen, wenn jemand im Urlaub ist.
Ganz ohne Streit läuft es freilich nicht. Weil die Beete knapp sind, 7, dass nur Mitglieder ernten dürfen, die mindestens zwei Stunden pro Woche mithelfen. Einige Nachbarn empfinden das als ungerecht, andere stören sich am Lärm der Feste im Sommer. Die Vorsitzende Gabriele Hahn räumt ein, dass der Verein anfangs unterschätzt habe, wie viel Zeit Abstimmungen kosten. „Wenn vierzig Leute entscheiden, ob die Bohnen links oder rechts stehen, dauert das“, sagt sie lachend. Mittlerweile gibt es feste Arbeitsgruppen für Wasser, Kompost, Veranstaltungen und Finanzen; dringende Fragen klärt ein kleiner Vorstand.
Finanziert wird der Garten über Mitgliedsbeiträge, Spenden und den Verkauf von Setzlingen beim jährlichen Frühlingsfest. Das Wasser stammt aus zwei großen Regentonnen und einem Anschluss, den die Stadt bezahlt, solange der Garten für alle zugänglich bleibt. Tatsächlich ist das Tor an den Wochenenden offen: Spaziergänger dürfen Kräuter probieren und sich an einem langen Holztisch ausruhen, auf dem immer eine alte Teekanne steht. Im Herbst findet außerdem eine Tauschbörse für Saatgut statt, zu der Hobbygärtner aus dem ganzen Stadtgebiet kommen.
Dass der Garten so gut funktioniert, liegt auch an seinen Partnern im Viertel. Das Café an der Ecke überlässt dem Verein seine Kaffeesatzreste als Dünger, eine Imkerin betreut die drei Bienenvölker, und ein Handwerksbetrieb hat die ersten Hochbeete zum Selbstkostenpreis gebaut. Im Gegenzug hängt am Zaun ein Schaukasten, in dem sich alle Unterstützer vorstellen. Gabriele Hahn sieht darin mehr als Höflichkeit: „Ein Garten, der nur für sich arbeitet, wird schnell zur Insel. Wir wollen, dass er im Viertel verankert ist, bei Geschäften, Schulen und Nachbarn gleichermaßen.“ Auch Besucher aus anderen Städten kommen inzwischen regelmäßig, um sich Anregungen für eigene Projekte zu holen.
Auch im Winter ruht der Betrieb nicht ganz. Dann planen die Mitglieder die nächste Saison, flicken Werkzeug und backen im Lehmofen, den ein Schreiner aus der Nachbarschaft gebaut hat, Brot für alle. Selbst Vandalismus, der in den ersten Monaten ein Problem war, ist selten geworden. „Wenn ein Ort allen gehört, passt jeder ein bisschen auf“, sagt Gabriele Hahn.
Für die kommende Saison hat der Verein ein Lehrbeet für Schulklassen geplant. Kinder, 8, sollen dort erfahren, dass Möhren in der Erde wachsen und Erdbeeren im Mai noch nicht reif sind. Eine benachbarte Grundschule hat bereits zugesagt. Marlene Zeller freut sich darauf: „Wenn ein Achtjähriger zum ersten Mal eine Kartoffel ausgräbt, strahlt er, als hätte er einen Schatz gefunden.“ Und vielleicht, so hofft sie, bleibt von diesem Schatz am Ende mehr als die Kartoffel.