Zeit schenken, Zeit gewinnen: Das Ehrenamt im Wandel
Am Samstagmorgen um acht Uhr ist die Turnhalle der Grundschule in Kellenbach schon voll mit Kisten voller Gemüse, Brot und Konserven. Sobald die Türen aufgehen, 1, während die Helfer in grünen Westen Tüten packen und Listen abhaken. Die Lebensmittelausgabe, die hier alle zwei Wochen stattfindet, wird ausschließlich von Ehrenamtlichen getragen, vom Fahrer, der die Spenden abholt, bis zur Rentnerin, die am Eingang die Besucher begrüßt. Bezahlt wird niemand, und trotzdem fehlt kaum jemand.
Karin Brandl, die den Verein leitet, hat die Ausgabe vor sechs Jahren gegründet, 2. Anfangs halfen ihr gerade einmal zwölf Menschen. Heute stehen mehr als sechzig auf der Liste, vom Studenten bis zur pensionierten Lehrerin. „Ich habe nie geworben“, sagt Brandl. „Es hat sich herumgesprochen.“ Dass dahinter viel Organisation steckt, sieht man der entspannten Stimmung in der Halle nicht an: Dienstpläne, Hygienevorschriften und Absprachen mit Supermärkten füllen unter der Woche etliche Stunden. Etwa zweihundert Haushalte in Kellenbach und den Nachbardörfern nutzen das Angebot regelmäßig, darunter Alleinerziehende, Rentner und Familien, die mit steigenden Preisen kämpfen.
Kellenbach steht damit nicht allein. Nach einer bundesweiten Erhebung engagiert sich etwa jeder dritte Erwachsene freiwillig. Diese Quote ist über die Jahre erstaunlich stabil geblieben, 3. Während früher viele ein Leben lang im selben Verein aktiv waren, 4. Gefragt sind deshalb 5, etwa ein Wochenende im Naturschutz oder drei Monate Hausaufgabenhilfe. Wer danach weitermachen will, kann das tun; wer nicht, hat niemandem etwas versprochen. Manche Vereine tun sich mit diesem Wandel schwer, weil sie ihre Vorstandsposten und Übungsleiter nicht mehr wie früher besetzen können.
Auch die Vermittlung hat sich gewandelt. Wer früher im Sportverein nachfragte, sucht heute auf digitalen Plattformen, die Einsätze nach Ort, Dauer und Interessen sortieren. Die Freiwilligenagentur der Kreisstadt zählt inzwischen mehr als dreihundert Angebote, von der Vorlesestunde in der Kita bis zur Reparatur von Gartengeräten für Senioren. Mitarbeiterin Dilara Aksoy beobachtet, dass viele Interessenten zunächst nur einen Nachmittag ausprobieren wollen. „Wer einmal dabei war und sich willkommen gefühlt hat, kommt meistens wieder“, sagt sie.
Auch die Motive haben sich verschoben. Früher stand häufig das Pflichtgefühl im Vordergrund, heute wollen viele etwas Sinnvolles tun und dabei selbst etwas lernen. Der 68-jährige Hartmut Seidel, früher Elektriker, fährt jede Woche den Lieferwagen der Ausgabe. „Ich wollte nach dem Berufsleben nicht zu Hause sitzen“, sagt er. „Hier werde ich gebraucht.“ Auch wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, 6. Das Ehrenamt wirkt demnach wie ein Schutzfaktor, der Menschen verbindet und ihnen ein Gefühl von Zugehörigkeit gibt.
Dennoch gibt es Hürden. Vereinsvorstände klagen vor allem über 7, die ihnen kaum Zeit für die eigentliche Arbeit lasse. Wer Spenden annimmt, muss sie belegen; wer Kinder betreut, braucht Führungszeugnisse und Versicherungen. Hinzu kommt, dass viele Berufstätige schlicht keine freien Stunden haben. Auch Haftungsfragen schrecken ab: Wer ein Zeltlager leitet, möchte nicht fürchten müssen, bei einem Unfall persönlich zur Verantwortung gezogen zu werden. Manche Arbeitgeber reagieren darauf und stellen ihre Mitarbeiter für Projekttage frei, andere verweigern den Urlaub für ehrenamtliche Einsätze. Einige Städte versuchen, mit einer Ehrenamtskarte gegenzusteuern. Sie bringt Rabatte in Schwimmbädern und Museen, ersetzt aber keine Wertschätzung im Alltag.
Dabei kostet Anerkennung oft wenig. Eine Schule in der Nachbarstadt lädt ihre ehrenamtlichen Lesepaten einmal im Jahr zu einem Frühstück ein, der Gemeinderat von Kellenbach bedankt sich bei jedem Neujahrsempfang namentlich bei den Helfern. „Es geht nicht um Geschenke“, sagt Brandl. „Es geht darum, dass jemand merkt, was man tut.“
Sie selbst hat für sich einen Weg gefunden, nicht auszubrennen: Sie verteilt Verantwortung auf viele Schultern und plant Dienste in kleinen Einheiten von drei Stunden. Auf die Frage, ob sie nie müde werde, lacht sie. „Doch, natürlich“, sagt sie. „Aber dann 8, und ich weiß wieder, warum ich das mache.“ Draußen vor der Halle wartet schon die erste Familie, und Hartmut Seidel lädt den letzten Karton aus. Nach drei Stunden werden die Tische abgewischt sein, die Kisten leer, und die Helfer stehen noch ein wenig beisammen, trinken Kaffee und reden über die nächste Ausgabe, als wäre das alles selbstverständlich.