Mehr als Bücher: Wie sich Bibliotheken neu erfinden
Wer früher eine Bibliothek betrat, wurde meist von einer Stille empfangen, in der 1. Streng sortierte Regale, mürrische Blicke und ein Zettelkatalog gehörten ebenso zum Bild wie die Pflicht, Taschen und Jacken an der Garderobe abzugeben. Heute ist das vielerorts anders. In der Stadtbibliothek einer mittelgroßen Stadt im Norden sitzen Schüler an Gruppentischen, ein Rentner probiert eine Virtual-Reality-Brille aus, und im Café neben dem Eingang 2. Die Leiterin des Hauses sagt: „Wir sind längst nicht mehr nur ein Ort, an dem Medien ausgeliehen werden. Wir verstehen uns als öffentlicher Raum für alle, egal ob jemand lernen, arbeiten, spielen oder einfach nur sitzen möchte."
Der Auslöser dieses Wandels war ein Besucherschwund. Über Jahre sank die Zahl der Ausleihen, weil 3. Statt weiter zu sparen, entschied sich die Stadt für einen anderen Weg und befragte die Einwohner, was sie sich von ihrer Bibliothek wünschen. Das Ergebnis überraschte selbst erfahrene Mitarbeiter: Gefragt waren nicht in erster Linie neue Bestseller, sondern 4. Daraufhin wurden Regale verkleinert, Möbel verschoben und ganze Etagen neu gestaltet. Der Umbau wurde zu einem Teil aus Fördermitteln bezahlt, den größeren Anteil trug jedoch die Stadt. Im Gemeinderat hatte es zunächst Zweifel gegeben, ob sich eine solche Investition lohne, doch die steigenden Besucherzahlen überzeugten viele Kritiker schnell. Heute stehen im Erdgeschoss bequeme Sessel und eine Zeitungsecke, im Obergeschoss gibt es Lernkabinen, die sich stundenweise reservieren lassen. Ein Teil der alten Magazinräume im Keller wurde zu einem Tonstudio für Podcasts umgebaut.
Besonders eng arbeitet das Haus mit den Schulen der Umgebung zusammen. Fast jede Klasse der Stadt kommt im Laufe eines Schuljahres mindestens einmal zu einer Führung, bei der die Kinder nicht nur lernen, wie man ein Buch findet, sondern auch, woran man seriöse Quellen im Internet erkennt. Lehrkräfte können Medienkisten zu Themen wie Vulkane, Mittelalter oder Weltraum bestellen, die ihnen kostenlos in die Schule geliefert werden. Für jedes Kind gibt es außerdem einen Bibliotheksausweis, der automatisch bei der Einschulung ausgestellt wird. „Wer einmal seinen eigenen Ausweis in der Hand hält, fühlt sich zugehörig“, sagt eine Grundschullehrerin.
Auch das Angebot hat sich verändert. Neben Büchern verleiht die Bibliothek mittlerweile Gesellschaftsspiele, Nähmaschinen, Bohrmaschinen und sogar Gartengeräte. Im sogenannten Makerspace können Besucher einen 3D-Drucker, einen Laserschneider oder eine Stickmaschine nutzen, ohne 5. Eine Mitarbeiterin berichtet, dass die Räume besonders bei Jugendlichen beliebt sind: „Viele kommen zunächst nur aus Neugier, 6. Manche haben danach ihr erstes eigenes Projekt gestartet, etwa eine Handyhülle oder ein Ersatzteil für das Fahrrad." Parallel dazu wächst der digitale Bestand. Über ein Online-Portal können Mitglieder E-Books, Hörbücher und Zeitungen auf Smartphone oder Tablet herunterladen, rund um die Uhr und ohne Mahngebühren, denn die Dateien verschwinden nach Ablauf der Leihfrist einfach von selbst.
Getragen wird das Programm auch von Ehrenamtlichen. Rund achtzig Freiwillige arbeiten als Lesepaten, helfen beim Ausfüllen von Formularen oder begleiten Geflüchtete bei den ersten Schritten im deutschen Alltag. Eine pensionierte Buchhändlerin bietet jeden Donnerstag eine offene Sprechstunde an, in der sie Empfehlungen für jeden Geschmack gibt, vom Krimi bis zum Kochbuch. „Die Leute wollen nicht nur Medien“, sagt sie, „sie wollen jemanden, der zuhört.“
Nicht alle Besucher sind von der Entwicklung begeistert. Einige langjährige Leser vermissen die frühere Ruhe, und manche Kritiker fürchten, dass 7. Tatsächlich zeigt eine Auswertung der Einrichtung, dass die Ausleihe gedruckter Bücher trotz allem stabil geblieben ist. Zugenommen haben vor allem Veranstaltungen wie Lesenächte, Schreibwerkstätten und Vorlesestunden für Kinder, die bewusst mitten in den Räumen des Hauses stattfinden und nicht in einem abgetrennten Saal. So kommen Familien, die ursprünglich nur das Café besuchen wollten, fast zwangsläufig an den Büchern vorbei.
Die Leitung hält den Zweiflern entgegen, dass Lesen eine Fähigkeit sei, die man üben müsse. Gerade deshalb brauche es Orte, 8. Wer sich in einer Bibliothek wohlfühle, so die Überlegung, greife irgendwann auch zu einem Buch. Für die kommenden Jahre plant die Stadt bereits den nächsten Schritt: Zwei Stadtteilfilialen sollen längere Öffnungszeiten erhalten, und ein Bücherbus wird künftig auch Seniorenheime und Neubaugebiete am Stadtrand ansteuern. Das Ziel bleibt dasselbe wie vor hundert Jahren, nur die Mittel sind andere: Menschen sollen Zugang zu Wissen und Geschichten haben, unabhängig vom Geldbeutel.