Text
Gute Nachbarn gesucht – und gefunden
Wer in der Mainzer Neustadt bei Ingrid Schulz klingelt, bekommt zuerst einen Kaffee und dann eine Aufgabe. Die 68-jährige ehemalige Buchhalterin hat vor drei Jahren den Verein „Nachbar für Nachbar“ gegründet. Heute gehören dazu rund hundert Mitglieder, die älteren oder kranken Menschen im Viertel im Alltag helfen.
Die Idee entstand nach dem Tod ihres Mannes. „Plötzlich war das Haus still, und ich hatte viel Zeit“, erzählt Ingrid Schulz. „Ich habe gemerkt, dass es im Viertel viele Menschen gibt, die allein leben und niemanden haben, den sie um Hilfe bitten können.“ Zuerst fragte sie bei der Stadt nach. Dort riet man ihr, selbst eine Gruppe zu gründen, und versprach, bei den Formalitäten zu helfen.
Der Verein bietet inzwischen vieles an: Die Freiwilligen gehen einkaufen, begleiten Senioren zu Arztterminen, gießen Blumen oder reparieren einen tropfenden Wasserhahn. Besonders beliebt ist der Spaziergangsdienst. „Viele alte Menschen trauen sich allein nicht mehr auf die Straße“, sagt Schulz. „Wenn jemand sie begleitet, blühen sie auf.“ Wer Hilfe braucht, ruft einfach im Büro an, das jeden Vormittag besetzt ist. Die Hilfe ist kostenlos, nur Spenden sind willkommen.
Doch nicht alles läuft glatt. Das größte Problem ist der Mangel an jungen Helfern. Die meisten Mitglieder sind selbst über sechzig, und manche können körperlich nicht mehr alles leisten. „Wir brauchen dringend Nachwuchs“, sagt Schulz. Deshalb hat der Verein vor einem Jahr Kontakt zu einer Realschule aufgenommen. Seitdem besuchen Schüler der neunten Klasse einmal pro Woche ältere Bewohner und erledigen kleine Aufgaben. Für die Jugendlichen zählt der Einsatz sogar als Schulprojekt.
Auch die Versicherung war anfangs ein Thema. Wenn etwas passiert, etwa ein Unfall auf dem Weg zum Arzt, wer haftet dann? Inzwischen hat die Stadt für alle Helfer eine Gruppenversicherung abgeschlossen. „Das hat uns viel Sorge genommen“, sagt Schulz.
Für die Zukunft hat die Vorsitzende große Pläne. In der Nachbarschaft soll ein Treffpunkt entstehen, in dem es einmal pro Woche ein gemeinsames Mittagessen gibt. Noch fehlt das Geld für die Küche. Ingrid Schulz bleibt trotzdem optimistisch: „Als ich angefangen habe, hat mir auch niemand geglaubt, dass es funktioniert. Und heute? Heute klingelt mein Telefon ständig.“
Lisez le texte et choisissez la bonne réponse. La correction sera donnée à la fin de l’épreuve.
Connecte-toi pour enregistrer ton résultat à la fin de cette simulation.