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Wer heute durch die Lindenallee im Osten der Stadt geht, bleibt oft vor einem Bretterzaun stehen. Dahinter wachsen Bohnen, Kürbisse und Sonnenblumen, und auf einer Bank sitzen Nachbarn, die Tee trinken. Noch vor vier Jahren lag an dieser Stelle eine Brachfläche, auf der Müll und altes Gerümpel herumlagen. Dass daraus ein Gemeinschaftsgarten geworden ist, verdankt das Viertel vor allem Nilgün Acar.
Die Krankenschwester wohnt im dritten Stock eines Hochhauses und hat keinen Balkon. „Ich komme vom Land und habe Pflanzen immer vermisst“, erzählt sie. Eines Tages sprach sie mit einem Mitarbeiter der Stadt, der ihr erklärte, die Fläche gehöre der Stadt und werde in den nächsten Jahren nicht bebaut. Er schlug vor, dass sie das Gelände zunächst für ein Jahr kostenlos nutzen dürfe, wenn sich eine Gruppe finde, die dafür die Verantwortung übernehme. Acar sammelte Unterschriften in ihrem Haus, und innerhalb von zwei Wochen hatte sie dreißig Namen zusammen.
Die erste Arbeit war die härteste. Mehrere Wochenenden lang räumten die Freiwilligen Steine und Abfall weg. Weil der Boden stark verschmutzt war, mussten sie Hochbeete bauen und frische Erde kaufen. Das Material wurde zum Teil von einem Gartenfachgeschäft gespendet, den Rest bezahlte die Gruppe mit Geld aus einer Spendenaktion im Internet. „Ohne diese Hilfe hätten wir nie angefangen“, sagt Acar.
Heute gehören etwa sechzig Haushalte zum Garten. Jeder bekommt ein Beet von etwa vier Quadratmetern, dafür zahlt man zehn Euro im Jahr und verpflichtet sich, bei gemeinsamen Arbeitseinsätzen mitzumachen. Ein Beet in der Mitte gehört allen: Dort wachsen Kräuter, von denen sich jeder etwas nehmen darf. Besonders beliebt ist das Gartenfest im September, bei dem Gemüse aus dem Garten gekocht wird.
Nicht alles verlief problemlos. Ein Teil der Anwohner fürchtete Lärm und Schädlinge. Die Gruppe lud deshalb alle zu einem Rundgang ein und erklärte, dass abends um zwanzig Uhr Ruhe herrscht und keine Chemie verwendet wird. Seitdem gibt es kaum noch Beschwerden. Auch als im ersten Sommer mehrmals Gemüse gestohlen wurde, blieb man gelassen und ließ den Zaun einfach offen. „Wer jederzeit hineingehen kann, hat weniger Lust, etwas heimlich zu nehmen“, vermutet Acar.
Mittlerweile kommen sogar Schulklassen, die hier lernen, wie Kartoffeln wachsen. Acar wünscht sich, dass die Stadt den Vertrag verlängert, der im Dezember ausläuft. Die Chancen stehen gut, denn der Stadtrat hat bereits signalisiert, dass er ähnliche Projekte in anderen Stadtteilen unterstützen möchte.
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