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Als Karin Brandt vor drei Jahren in Rente ging, freute sie sich zunächst auf ruhige Tage. Sie las viel, ging spazieren und traf Freundinnen. Doch nach einigen Monaten merkte sie, dass ihr etwas fehlte. Ihre beiden Töchter leben in Hamburg und München, die Enkel sieht sie nur zweimal im Jahr. „Das Haus war plötzlich so still“, erinnert sie sich.
Auf einem Plakat im Supermarkt entdeckte sie dann die Anzeige einer Vermittlung für Leihomas und Leihopas. Der Verein bringt ältere Menschen mit Familien zusammen, in denen die eigenen Großeltern weit weg wohnen. Karin rief an und wurde zu einem Gespräch eingeladen. Dort erklärte man ihr, dass die Leihgroßeltern nicht als Babysitter arbeiten. Sie sollen vielmehr regelmäßig Zeit mit den Kindern verbringen, ohne dafür bezahlt zu werden. Die Familien übernehmen nur die Fahrtkosten.
Wenige Wochen später lernte Karin die Familie Yilmaz kennen. Die Eltern arbeiten beide im Krankenhaus, und ihre Tochter Lea ist sechs Jahre alt. Beim ersten Treffen waren beide Seiten ein bisschen nervös. Lea versteckte sich hinter ihrer Mutter, und Karin wusste nicht, worüber sie sprechen sollte. Dann holte Lea ihr Lieblingsbuch, und die beiden lasen zusammen. Seitdem kommt Karin jeden Dienstagnachmittag vorbei. Sie holt Lea aus der Schule ab, backt mit ihr Kuchen oder geht mit ihr auf den Spielplatz.
Für die Eltern ist das eine große Hilfe. „Wir haben keine Verwandten in der Nähe“, sagt Herr Yilmaz. „Früher mussten wir bei jeder Krankheit oder jedem späten Dienst lange überlegen, wer das Kind betreut. Jetzt wissen wir, dass wir uns auf Karin verlassen können.“ Trotzdem betont er, dass die Beziehung mehr sei als Organisation. Lea nenne Karin inzwischen „meine Oma Karin“ und male ihr Bilder.
Auch Karin profitiert. Sie fühlt sich gebraucht und hat wieder einen festen Rhythmus in der Woche. Außerdem lernt sie von Lea viel Neues, zum Beispiel, wie man auf dem Tablet Spiele findet. Allerdings gibt es auch Schwierigkeiten. Manchmal sind die Erziehungsstile verschieden. Karin gibt Lea gern ein Stück Schokolade, was die Eltern nicht so gut finden. „Wir haben darüber offen gesprochen“, erzählt sie, „und jetzt gibt es Schokolade nur noch am Wochenende.“
Der Verein vermittelt inzwischen über hundert Paare im ganzen Landkreis. Die Leiterin, Frau Weber, sagt, das Interesse wachse jedes Jahr. Besonders gesucht seien Leihgroßväter, denn von den Freiwilligen seien bisher fast alle Frauen. Wer mitmachen möchte, muss ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und an einem Einführungsabend teilnehmen. Karin kann das nur empfehlen: „Ich habe keine Enkel in der Nähe, aber ich habe jetzt eine kleine Freundin, die mich zum Lachen bringt.“
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